Art-Pop aus Großbritannien : Die Wahrheit ist nackt

Natasha Khan, Tochter einer Engländerin und eines pakistanischen Squash-Trainers, nennt sich als Sängerin Bat For Lashes. Ihr meisterliches neues Album „The Haunted Man“ verbindet erlesene Arrangements mit pointierten Texten.

von
Kontrollfreak. Natasha Khan, 32, spielt die meisten Instrumente selbst. Foto: Parlophone
Kontrollfreak. Natasha Khan, 32, spielt die meisten Instrumente selbst. Foto: Parlophone

Zurück zur Natur, zurück zum Meer. Das war Natasha Khans Rettung. Die Britin, die sich als Musikerin Bat For Lashes nennt, fühlte sich ausgelaugt und inspirationslos, nachdem sie zwei Mercury-Prize-nominierte Alben produziert, Tourneen mit Coldplay und Radiohead hinter sich gebracht hatte und von turbulenten transatlantischen Liebesdramen durchgeschüttelt worden war. Also beschloss sie, ihr Leben radikal zu vereinfachen. Sie zog zurück ins englische Brighton, wo sie einst Kunst und Musik studiert hatte, kochte viel, dachte nach, las und machte jeden Tag lange Spaziergänge zum Meer. Später kam noch Gartenarbeit in Charleston House dazu, dem Landsitz der Bloomsbury Group.

Dieser Prozess des Wieder-zu-sich-Findens spiegelt sich in Bat For Lashes’ gerade erschienenem dritten Album „The Haunted Man“, auf dem es viel um Blumen, das Meer, die Felder und Hügel, den Schnee und die Sonne geht. Vor allem aber, ist es eine Feier des Lebens. „Thank God I’m alive!“ singt Natasha Khan, die 1979 in London als Tochter einer Engländerin und eines pakistanischen Squash-Trainers geboren wurde, im Schlussdrittel des Eröffnungssongs „Lilies“ gleich zweimal hintereinander, während der grollende Bass-Synthesizer und die zackigen Geigen für einen Moment Pause machen. Es ist ein hochdramatischer Moment in einem hochdramatischen Song, der den Ton für dieses Art-Pop-Album setzt.

Es hat die ausgefeiltesten Arrangements und die üppigste Instrumentierung aller bisherigen Bat-For-Lashes-Werke. Sie selbst bedient vom Daumenklavier über Percussion, Harfenzither und Bass bis hin zu diversen Synthesizern ein ganzes Klangarsenal. Dazu kommen noch Streicher und Bläsergruppen, die mit Bedacht eingesetzt und nie in die Rolle von Pathoserzeugern gedrängt werden. Die Produktionsarbeit, die sich Khan mit ihrem Langzeitkollaborateur David Kosten sowie mit Dan Carey geteilt hat, ist exzellent. So schaffen sie es in „Winter Fields“ eine Four-to-the- floor-Bassdrum mit einer Kesselpauke, einem Holzbläser-Streicher-Background und Khans treibendem Gesang zum atemberaubenden Ritt durch ein Schneetreiben zu verschmelzen. Doch der Drive wird immer wieder abgebremst. Nur noch wenige Spuren laufen weiter, der Beat verschwindet, die Spannung fällt ab, um dann neu aufgebaut zu werden.

Dass sie nicht immer derart um die Ecke denkt, sondern auch weiß, wie man einen tanzbaren Popsong schreibt, beweist Bat For Lashes mit „A Wall“ und „Rest Your Head“. Auch das ein wenig an Goyte erinnernde „All Your Gold“ ist ein schon beim ersten Hören bestechend eingängiges Stück. Geradezu epische Qualitäten erreicht das Titelstück „The Haunted Man“, auf dem Bat For Lashes das Popsongformat weitgehend ignoriert. Zu Pucker-Beats singt sie die ersten vier Strophen und gibt dann an einen Männerchor ab, der von einer militärisch wirbelnden Snare begleitet wird. Anschließend wirft sich Khan mit voller Stimmkraft in die Zeilen „Still I’m holding out my hand / Standing by my haunted man / Yes, your ghosts have got me too / But it’s me and you / I can’t run“.

Zu dem fünfminütigen Stück hat sie David Leans Film „Ryan’s Daughter“ inspiriert, der 1916 in Irland spielt und das Liebesdrama einer verheirateten irischen Frau und eines britischen Soldaten erzählt. Khans Song stellt die Frage, wie Paare wieder zueinanderfinden sollen, wenn die Männer nach Hause kommen – im Gepäck Traumata und Geister. „Es geht um das Warten der Frauen, und darum, dass sie das Gewicht der Fehler der Männer tragen, und es geht um unseren Wunsch zu kommunizieren, auch wenn wir manchmal verschiedene Sprachen sprechen“, sagt die Sängerin.

Als Illustration dieses Satzes kann man das Albumcover verstehen. Ein SchwarzWeiß-Foto zeigt die nackte, ungeschminkte Natasha Khan, die einen ebenfalls nackten Mann auf ihren Schultern trägt. Der Mann als Bürde und Beute. Es wirkt anstrengend und anmutig zugleich – und wie ein Instant-Classic der Coverfotografie.

Dem Reduktionismus dieses Bildes entspricht soundmäßig ein Song auf „The Haunted Man“, die Single „Laura“. Es ist das einzige der elf Stücke, das Khan mit einem Koautor komponiert hat, für sie als bekennender Kontrollfreak zunächst ein komisches Gefühl. Doch Justin Parker, der mit Lana Del Rey deren Hit „Video Games“ schrieb, hat sich perfekt an den Stil der Britin mit der Mireille-Mathieu-Frisur angepasst. Das sparsam instrumentierte Lied erinnert an ihre frühen Tori Amos/Kate Bush-artigen Arbeiten und erzielt durch den leidenschaftlichen Gesang hohen Gänsehautfakor.

„Laura“ setzt Bat For Lashes Ahnenreihe von Songs mit Vornamen im Titel fort: „Prescilla“, „Sarah“ und „Daniel“ (ihr bisher größter Hit) hat sie schon besungen. Wie „Laura“ ist auch „Marylin“ neu in dieser Patchworkfamilie von Outsidern, in die beide gut hineinpassen. Und wenn es doch mal Zoff geben sollte: Gartenarbeit hilft sicher.

Bat For Lashes: The Haunted Man ist bei Parlophone/EMI erschienen. Konzert: 15.11., 20 Uhr, Huxley’s Neue Welt Berlin.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar