Kultur : "Art.uro" und die Kunst, respektlos zu leben

Lothar Heinke

Wenn er so daherkommt mit einem seiner zwei Dutzend Hüte auf dem Kopf, mit seidenem Tuch am Hals, aufrechten Ganges, wachen Augen, immer zu einer kleinen Plauderei bereit und willens, die Welt wieder mal vom Kopf auf die Füße zu stellen - dann haben wir es mit Arturo zu tun. Das verschmitzte Signum "Art.uro" deutet schon an, dass es sich bei Artur Ernst Walb um einen, nun ja, auch Lebens-Künstler handelt. Der Rheinländer aus bürgerlichem Hause - Mutter: Musikerin, Vater: kaiserlicher Offizier und wagemutiger Flieger - hatte, so sagt er, "das Malen von Kindesbeinen an drauf"; da saß er in Kölner Kirchen, studierte den Lichteinfall, "meine Aquarelle sind mit Weihwasser gemalt". Das ist lange her.

Aber noch immer - und gerade heute, an seinem 80. Geburtstag! - umgibt ihn Kunst. Sein Ein-Zimmer-Appartement Unter den Linden, wohin es ihn gleich nach der Wende zog, ist vollgestellt mit Aquarellen, Kohlezeichnungen und mit Stahlplastiken, und die sagen uns, dass wir es hier mit dem Mann zu tun haben, der einmal Berlins "Eisenpapst" war: Als der 68er Revoluzzer aus München nach Berlin gekommen war, entdeckte der Kunstschmied und Metallbildhauer eine Unzahl von Eisengittern auf Hinterhöfen, zwischen Böden und Treppenhaus, überall Eisen, geschmiedet, gegossen, gepresst, geformt. Arturo sammelte das oder gab ihm eine neue Bestimmung.

Die Aktion "Rettet das Eisen" taucht jetzt sogar in der Einladung des Bezirksamtes Charlottenburg zu einem Geburtstagsempfang auf: "Arturo erhielt von der Neuen Heimat seinerzeit ein leerstehendes Hinterhofgebäude am Klausenerplatz 19, zunächst zur Einlagerung seines Alteisens. Er funktionierte diese Räume nach und nach zu Ateliers um, die befreundete Künstler nutzen konnten". Und zusammen mit dem damaligen Stadtrat Körting verhinderte der Eisenmann den Abriss.

Kurz nach der Wende besetzte Arturo, "frech und unverfroren und respektlos, wie man halt so ist", die vergitterte Arrestzelle der DDR-Grenzsoldaten im brüchigen Gemäuer der alten Akademie der Künste am Pariser Platz. Die Akademie liess ihn seine Plastiken und Happenings machen, und als im Adlon die ersten Aktionärsversammlungen speisten, schickte und schenkte der Hoteldirektor dem Nachbarn jedesmal ein Menü auf weiß gedecktem Tisch in des Künstlers Garten mit allem Drum und Dran.

Auch das - die Akademie wird umgebaut - ist, wie so vieles, nun Geschichte. Arturo schreibt sein Leben auf, und wenn er eins gelernt hat, dann dies: Immer das Menetekel an der Wand sehen, den Mund aufmachen, sich einmischen und um die Wahrheit kämpfen. Berlins Zukunft, meint er, ist Friedrichshain. "Die jungen Leute da haben eine ganz natürliche Kreativität, ein seltsames Völkchen. Das wird das Schwabing von Berlin".

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