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KURZ & KRITISCH

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ROCK

Kommt Zeit,

wächst Haar

Bent Sæther hat seine Haare sehr lang wachsen lassen. Seitdem Drummer Håkon Gebhardt die norwegische Band Motorpsycho verlassen hat, orientieren sich

die beiden verbliebenen Mitglieder Sæther und Hans Magnus „Snah“ Ryan wieder an dem Rock, der ihre ersten Platten vor 15 Jahren bestimmte: Rau, hart und schnell ist ihr aktuelles Album „Black Hole/Blank Canvas“ (Stickman /Indigo) geworden und unterscheidet sich damit krass von den freejazzig-poppigen Vorgängerplatten. Auch bei ihrem Auftritt im Postbahnhof ergänzen die Trondheimer das klassische Rocktriumvirat aus Gitarre, Schlagzeug und Bass lediglich um ein Vibraphon, das hübsche Ausflüge in psychedelische Landschaften erlaubt.

Meistens jedoch begraben Ryan und Sæther, der immer wieder statt einer Bassline Akkorde und Melodien auf seinem Bass spielt, das Vibraphon unter einer Krachlawine. Neue Stücke stehen in diesen zweieinhalb Stunden neben älteren Hits – als hätte es die mit Streichern und Bläsern verzierte Phase der letzten Jahre nie gegeben. Intimere Momente gönnen sich Motorpsycho – ihr Name ist einem Russ-Meyer-

Film entlehnt – mit endlosen Gitarrensoli und improvisierten Jams, in denen sie sich manchmal allzu selbstvergessen im Virtuosen verzetteln. Die zweite Zugabe besteht aus einer halbstündigen Version des Space-Rock-Knallers „Un Chien D’Espace“. Motorpsycho, seit Jahren getragen von einer loyalen Fanbasis und damit nicht angewiesen auf die Hektik der Musikindustrie, haben es nicht eilig: Haare wachsen langsam, eine Band braucht Zeit, Musik spricht die Sprache der Ewigkeit.

MUSICAL

Kommt Zeit,

geht Mitarbeiter

Niemand zeichnet die Neurosen einer von Beziehungssprech und political correctness intoxierten Gesellschaft so witzig und präzise nach wie Peter Lund. Jetzt aber überraschten Lund und sein Komponistenpartner Thomas Zaufke in der Neuköllner Oper mit einem politischen Stoff. In „Held Müller“ reißt der als Attentat missverstandene Tod eines Autokonzernchefs die Familie des aus Versehen unter Terrorismusverdacht geratenen Ex-Mitarbeiters Müller aus der Lethargie. Die böse Geschichte will indessen nicht zünden. Denn während der Alltag der Müllers nach dem Leben gezeichnet ist, wirkt ihr linksrevolutionärer Furor unkomisch in einer Zeit, in der die neue Urangst vor islamistischem Terror um sich greift. Derweil haben Lund, Zaufke und Regisseur Bernd Mottl alle Hände voll zu tun, die Spannung mit einer Reihe von Charakterstudien aufrechtzuerhalten. Schade für Plot und Manager-Darsteller Uwe Dreves ist, dass der für die Entlassungen verantwortliche Konzernchef so früh im Stück stirbt. Ihm bleibt immerhin noch Zeit, das Porträt eines Managers zu zeichnen, dessen Verantwortungslosigkeit die eines großen Kindes ist. Zum Publikumsliebling wird seine Nachfolgerin: Franziska Becker, stimmlich wie darstellerisch brillant, gibt sie als Karrierefrau, deren Professionalität und egoistisches, aber mitreißend positives Denken etwas unglaublich Anziehendes haben. Massenentlassungen bei guten Bilanzen, so das Fazit, dass man aus dem nur halb geglückten Versuch eines Politmusicals ziehen muss, geben wohl Stoff zu einer sarkastischen Revue. Aber sie sind offenbar noch kein Drama. Carsten Niemann
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