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Mein Leben ist eine Fiktion

Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész über sein Interviewbuch „Dossier K.“
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In der Vorbemerkung zu Ihrem „Dossier K.“ heißt es, Sie hätten sich mit Ihrem Freund Zoltan Hafner über Monate hinweg unterhalten und dann eines Tages ein dickes Manuskript mit der Tonbandabschrift erhalten.

Das Manuskript beinhaltete überhaupt nicht, was ich sagen wollte – das habe ich beim ersten Satz gemerkt. Ich habe das Manuskript beiseite gelegt und fing an zu schreiben. Es machte mir Spaß, und ich hätte nie daran gedacht, dass die Dialogform so schön und inspirierend ist.

Die Fragen und die Antworten des langen Gesprächs stammen also von Ihnen?

Alles. Ich nenne es eine Autobiografie aus zwei Stimmen.

Warum täuschen Sie ein Interview vor?

Ich habe nie daran gedacht, eine Autobiografie zu schreiben. Doch in dem Dialog ist eine ganz andere Stimme, und ohne sie hätte ich diese Autobiografie nie geschrieben.

In der Zeitschrift „Du“ gab es einen Vorabdruck mit Fotos aus Ihrer Jugend, von Ihren Eltern, Großeltern und Ihnen. Im Buch fehlen sie.

Mein ungarischer Verleger plante mit Zoltan Hafner ein Fotobuch, aber der Text, den ich dann geschrieben habe, duldete die Aufnahmen nicht. Und ich dulde sie auch nicht. Das ist immer so witzig, den Schriftsteller beim Ballspielen oder als Säugling zu sehen! Solange ich über meinen Willen verfüge, wird kein Fotoband über mich erscheinen.

Im „Dossier K.“ sagt Kertész einmal: „Ich weiß schon nicht mehr, was ich geschrieben habe, wenn ich fertig bin.“ Doch der Fragesteller, der ja auch Kertész ist, zitiert präzis aus dessen Werken und fragt: Ist das wahr? Und das?

Ja, das ist das andere Ich. Es gibt auch noch ein drittes. Wissen Sie, als ich diese Dialoge zu schreiben begann, waren es zwei Pingpong-Spieler. Ich konnte ganz ruhig zurücktreten, zusehen, wie sie spielen, und aufpassen, dass alles läuft.

Wie verhält sich dieses Spiel zur Wirklichkeit?

Ich sehe keinen Unterschied zwischen Autobiografie und Fiktion. Wenn ich anfange zu erzählen, was mir passiert ist, wird es schon etwas anderes als das, was wirklich passiert ist. Es beginnt, eine Form zu entwickeln. Meine Erinnerungen verändern sich und ich mich auch. Der Schriftsteller ist eigentlich ein Täuscher: Er erzählt das Erlebte und verändert sich dadurch. Durch diesen Stoffwechsel mit der Wirklichkeit befreit er sich von Verletzungen, die andere ein Leben lang mit sich herumtragen.

Diese Befreiung durchs Schreiben erreichen Sie aber nur durch die Verpflichtung auf furchtbare Wahrheiten.

Wenn ich im Konzentrationslager überleben will, muss ich seiner Logik folgen. Diese willentliche oder nicht willentliche Kollaboration ist die größte Schande des Überlebenden, er kann sie nicht eingestehen. Der Schriftsteller kann es. Denn die Literatur besitzt eine besondere Aufrichtigkeit. Das sind einfach gute Sätze, wissen Sie. Gute Sätze sind in diesem Fall viel wichtiger als meine eigene Schande. Der „Roman eines Schicksallosen“ ist kein heiterer Roman. Aber er hat mir beim Schreiben sehr viel Freude gemacht. Und man kann nur schreiben, wenn man frei ist, wenn man Freude hat. Das ist ein tödliches Paradoxon, aber ich liebe es.

Sie erzählen diskret, aber unmissverständlich von der Familie.

Ich machte als Kind keine guten Erfahrungen mit ihr. Es fing damit an, dass meine Eltern sich scheiden ließen. Die Scheidung quält einen. Als Kind steht man zwischen Vater und Mutter, und dazu kamen noch Stiefvater und Stiefmutter. Ich habe die Familie als individuumszerstörend erlebt. Unter dem Einfluss der Familie kann man nicht frei denken, nicht selbstständig sein. Man muss lügen und kann sich nicht immer eingestehen, dass man lügt.

Immer wieder kommen Sie auf den Begriff der Anekdote zurück.

Solche Anekdoten gibt es viele, jeder Überlebende hat seine eigene, auch ich: diese Krankenhausgeschichte. Ohne sie wäre ich nicht da. Aber was war dieses Krankenhaus im Konzentrationslager Buchenwald? Ich konnte ihm nicht auf die Spur kommen. Niemand wusste etwas von diesem Krankenhaus, und am Ende hätte ich es fast für eine Fantasie von mir gehalten, wäre ich nicht in Stockholm angerufen worden von einem Kameraden, der über mir in dieser Krankenstation gelegen hatte. Er lebte in Australien und hatte sich im „Roman eines Schicksallosen“ als Figur entdeckt. Aber wir konnten nicht miteinander sprechen. Ich kann weder Polnisch noch Englisch, er sprach kein Deutsch und natürlich kein Ungarisch. Einige deutsche Worte haben wir gewechselt. Aber sicher war, dass er der Kuchalski war, den ich beschrieben habe und mit dem ich in diesem Krankenhaus war. Das ist der einzige Beweis.

Sie beschreiben eine kurze Phase intensiven Lebens nach dem Krieg, in der sie sogar in die KP eintreten, und dann lange Jahrzehnte der Verzweiflung.

Der Nazi-Totalitarismus war sehr dynamisch. Dort war man verloren, man wurde einfach zermalmt, auch als Überlebender. In der stalinistischen Diktatur stockte alles. Wie in Zeitlupe konnte man das ganze System durchschauen. Der Stalinismus war meine Proust’sche Madeleine, sein Duft enthielt die ganze Vergangenheit.

Am Ende von „Dossier K.“ fragen sich die Gesprächspartner, ob denn die Geschichte dieser verzweifelten Schriftstellerexistenz alles ist. Immerhin ist Kertész erfolgreich.

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Es gibt auch eine Erfolgsgeschichte. Der Schriftsteller Imre Kertész, der das und das geschrieben hat, hat dafür den Nobelpreis bekommen. Aber meine Geschichte in der Retrospektive als Erfolgsgeschichte zu sehen, wäre eine fantastische Lüge. Denn meine Literatur war immer eine außerliterarische Literatur. Sie ist in Ungarn nie ernst genommen worden. Ich habe mich einfach entschieden zu schreiben, ein Buch nach dem anderen, eine absurde Literatur, die die schlimmste Seite der Welt und des Lebens schildert. Und dann der Nobelpreis. Das ist sehr schön, ich habe mich sehr gefreut. Aber es ist auch völlig absurd.

Das Gespräch führte Jörg Plath.
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