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Der Eismann frommt

Uraufführung an der Schaubühne: Falk Richter inszeniert seine „Verstörung“
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Das Staunen hat man im Theater zuletzt gründlich verlernt. Man soll nichts sehen, sondern etwas so sehen. Weil es nichts mehr zu sehen, zu schauen, zu bestaunen gibt. Mit Zynismus und Kälte erträgt sich vieles leichter – auch das aktuelle Theaterangebot.

Hier aber revoltiert ein Eismann. An der Berliner Schaubühne, wo die gefühlte Temperatur sommers wie winters am Gefrierpunkt liegt. Falk Richter, sonst ein explizit politischer Regisseur und Analyst, hat ein Stück über Weihnachten geschrieben und die Uraufführung selbst inszeniert. Am Ende schneit es, wie im Krippenspiel. Nein, wirklich: Richter meint es nicht satirisch, es wird auch nichts entlarvt; der Weihnachtskaufrausch, das große Fressen, die Adventsdepression. Selbst der Feiertagshorror hat hier etwas Wundersames, fast Zauberisches. Oder sogar Reinigendes . . .

Im Ernst: „Die Verstörung“ ist kein Weihnachtshasserstück, sondern ein Sehnsuchtsmelodram. All die verlorenen, versprengten Figuren, die Richter in einer Art „Short Cuts“-Dramaturgie durcheinander wirbelt, träumen von einem Moment der Stille, des Friedens. Erflehen Zärtlichkeit, suchen nach einem Nest. Und immer mit der Beteuerung, „Wir können das alles machen, alles. Aber es bedeutet nichts.“ Als schämten sie sich vor sich selbst. Dass sie sich nach Wärme und Nähe verzehren.

„Ich liebe meinen Mann. Ich bin glücklich. Wir heiraten.“ Und: „Ich bin schwanger. Ich freue mich schon“, wiederholt eine Frau, gespielt von Judith Engel, gebetsmühlenartig. Die ist verrückt, meinen die Freunde und Kollegen, Selbstdarsteller, die am 24. Dezember bis tief in die Nacht ein nicht fertig geschriebenes Stück probieren, in einem ungeheizten, spukhaften Theater. Egal, ob sie diese Sätze nur für ihre Rolle memoriert oder ob sie das tatsächlich meint, das mit dem Gücklichsein. Sie will es, gegen alle Regeln. Dass es ihr gut geht.

Um ins Warme zu gelangen, senkt Falk Richter die Betriebstemperatur ins Fantastische ab. Minus dreißig Grad, die Stadt ist mit Eis überzogen, unzählige Unfälle (dauernd hört man Autos crashen), hunderte Tote. Meldet das Radio. Apokalyptischer Wintereinbruch. Oder nur ein böser Traum? Bevor es besser wird, wird es erst noch viel, viel schlechter.

Kahle Gegend. Vor dem Rundhorizont aus Beton stehen ein paar metallene Raumteiler, Türen, angedeutete Wände. Ein Flügel, ein Bett. Die Weihnachtsteufel irren in Katrin Hoffmanns Bühnenbild herum wie in einem Requisitenkeller. Die führen hier irgendeinen Wahnsinn auf. Schauspieler spielen (schlechte) Schauspieler, hocken zusammen, weil der Regisseur nicht allein sein kann. Eine Frau im Altenheim (Nikola Weisse) wartet auf den Anruf ihres Sohns (des Regisseurs), ein Kind schmort am Flughafen, sein Vater (einer der Schauspieler) sitzt im Theater fest. Das sind so Episoden, die Falk Richter locker skizziert. Seine Menschlein wissen nicht mehr, wie alt sie sind. Altkluge Kinder, die so viel Beziehungselend erlebt haben. Kindische Erwachsene, die sich selbst nicht mehr ertragen und hemmungslos herumtoben.

Man kennt das. Man kennt die Schauspieler aus ähnlichen Situationen, aus vielen anderen Stücken. Wenn Jenny Schily mit magerer Wut und André Szymanski mit einer Schimpftechnik, wie man sie schon auf dem Schulhof lernt, über das Abholen ihres Jungen streiten. Das ist nicht nur bitter und banal, sondern auch komisch. Doch, Falk Richter ist nicht humorfrei, er fasst seinen eigenen Text in solchen Paarungsnachhutgefechten sportlich locker an. Auch wenn die Frauen, also Judith Engel und Jenny Schily, in einem bestimmten Typ von eruptiv-wehleidiger Zicke gefangen sind.

Von wegen Typ. Bruno Cathomas, der Kindergarten-Regisseur in der „Verstörung“, lernt übers Internet einen lässigen, schlanken, verdammt gut aussehenden Kerl kennen: Stipe Erceg. Dem ist Cathomas zu dick, zu alt, zu ungeschickt, emotional zu aufdringlich. „Du bist einfach nicht mein Typ“, sagt der Schöne. „Ich werd’ jetzt dein Typ, an so was kann man arbeiten“, sagt der traurige rundliche Clown Paul, der sich fürchterlich rächen wird für die Erniedrigung und die Abweisung. Ein Glanzlicht in diesem durchgeplanten Chaos: Stipe Erceg („Die fetten Jahre sind vorbei“) ist ein auratischer, unheimlich genauer Bühnenakteur, und Cathomas in seiner kontrollierten Hysterie hat man lange nicht so gut gesehen. Sein Paul ist ein Beziehungsterrorist. Zur Not erzwingt er Freundschaft. Und Liebe. Eine Moral, so rührend wie bizarr. Wie die aufopferungsvollen Pinguine im Kino.

Auch das: eine rohe, frohe Botschaft. Lieber mit Gewalt zusammen als verdammt einsam. Das sagt sich auch Robert Beyer, ein sanfter Irrer, der am Heiligabend seinen Therapeuten aufsucht. Und nachher geht er einfach nicht mehr weg.

Traditionelle Weihnachtsdramen wie Gerhart Hauptmanns „Friedensfest“ oder Alan Ayckbourns „Schöne Bescherungen“ funktionieren anders herum, nach dem Motto: Familien gehen sowieso in die Brüche, am ärgsten und wirkungsvollsten zerfleischen sie sich zum Fest der Liebe. In Falk Richters „Verstörung“ sind schon alle Paare, Beziehungen und Familien kaputt. Und nun: müsste, möchte man das reparieren. Und sei es nur für ein paar Stunden. Ja, es ist eine brennender Wunsch nach familiärer Form, nach Geborgenheit, nach der Fassade.

Doch so ganz hat sich Falk Richter noch nicht von den Kriegen dieser Welt, von der Globalisierung und dem grundbösen Kapitalismus verabschiedet. So privat ist es dann doch nicht. Unklar, was da draußen wütet. Die Klimakatastrophe? Ein Blitzeiskrieg? Welche Rolle spielt die mysteriöse Unfallklinik, wo sich nachher alle verfrorenen Hirten und furchtbar eiligen Könige und Kindervernachlässiger treffen? Das ist ziemlich fauler Theaterzauber. Man spürt, wie Stück und Inszenierung den Glauben an sich selbst verlieren.

Trotzig erzählt „Die Verstörung“ von einer Kunst, die nicht mehr kalt und zynisch sein will. Von Menschen, die nach Empathie lechzen. Von Eisbären, die frieren. Etwas ist gründlich schief gelaufen mit der Gattung: mit dem Menschen und seiner Wärmestube, dem Theater.

Wieder am 12., 13. und 22. Dezember.
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