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Flexibel müsste man sein

Denn die Welt ist aus den Fugen: Spike Jonzes „Adaption“, der genialisch vertrackte Gewinner des Silbernen Bären der Berlinale
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Seltsam: Auf der Berlinale landete Spike Jonzes „Adaption“ bei den Filmkritikern überwiegend im Mittelfeld, obwohl sie alle seinen genialisch albernen Erstling „Being John Malkovich“ lieben und sein ebenso bahnbrechender neuer Film zudem kaum verklausuliert von ihren eigenen Kreativitätsschüben und Schreibblockaden handelte. Hätten sie da nicht „Adaption“ unisono rühmen sollen, formal die Geschichte des Drehbuchautors Charlie Kaufman, im Herzen aber das Lust- und Schmerzensmanifest aller Schreibgesinnten dieser Erde?

Noch seltsamer, aus Kritikersicht: Die Berlinale-Jury gab „Adaption“, gleich nach „In This World“, ihren Silbernen Bären. Wie jetzt? Sollte Spike Jonzes artsy fartsy-Zeug (so nennen die US-Filmindustriellen gern Werke mit Kunstanspruch) tatsächlich ganz normalen, auch unterhaltungsbedürftigen Zeitgenossen gefallen – ein Film, der bei seiner einzig wahren Zielgruppe, den artsy fartsy-Feuilletonisten, nur mäßig gnädig aufgenommen worden war?

Erste Erklärung: Die Welt ist aus den Fugen. Aber das wussten wir schon; da hätten sich Jonze und sein Drehbuchautor Charlie Kaufman gar nicht bemühen müssen. Moment mal, der Charlie Kaufman, der auch im Film vorkommt? Ja, der und sein Bruder Donald, der genauso aussieht wir Charlie, der sich – wie ursprünglich auch der echte Charlie Kaufman – auftragsgemäß mit dem Drehbuch nach einem ziemlich unverfilmbaren Tatsachenroman namens „The Orchid Thief“ (Der Orchideendieb) einer „New Yorker“-Redakteurin namens Susan Orlean herumschlägt – wobei die Kaufman-Brüder, der reale Charlie und der fiktive Donald, von Nicolas Cage gespielt werden, sofern Sie bis hierhin folgen können.

Zweite Erklärung: Die Welt ist überhaupt nicht aus den Fugen, jedenfalls nicht die von „Adaption“. Denn man kann dem elastisch zwischen Zeit- und Handlungsebenen hüpfenden und schließlich in einen viertelstündigen main stream mündenden Geschehen durchaus unangestrengt Vergnügen abgewinnen. Sofern man 118 Kinominuten ohne Autoverfolgungsjagden, ohne Thrillerkiller und so Zeugs übersteht und stattdessen etwa ausgiebig einem voice over sowie den Ausführungen des Uralt-Hollywood-Drehbuchgurus Robert McKee (dargestellt von Brian Cox) zu lauschen bereit ist, der Killerthriller und Verfolgungsjagden wiederum befürwortet, Gift und Galle aber ausgießt über Filme, die die Gefühle ihrer Helden am liebsten via voice over akustisch ausmalen – sofern Sie bis hierher noch folgen mögen.

Dritte Erklärung: Das verkopfte Zeug ist den Leuten, die diesen Film-über-Film-im-Film-als-Film einfach so mögen werden, gar nicht so wichtig. Sie freuen sich an ganz was anderem. An Orchideen zum Beispiel. An einem vitalen, leicht durchgeknallten Orchideenwilderer namens John Laroche, dem Chris Cooper sehr präsent Körper und Stimme leiht, an der Reporterin Susan Orlean (nachlassend forsch, wachsend fragil: Meryl Streep) und an beider aberwitziger Liebesgeschichte, die sich langsam aus einem Fastnichts heraus entwickelt. Daran auch, wie Leidenschaft in Leute zurückkehrt, die mit ihrem Leben schon ordentlich abgeschlossen haben zum Beispiel. Nicht dass da nichts wäre; nur, dass da nichts Wesentliches mehr nachkäme.

Vierte Erklärung: Nicolas Cage als Charlie. Ist er nicht total lustig, dieser selbstquälerische, oberschüchterne, menschenscheue Hinschreib- und Alleswiederdurchstreichonanist? Und Nicolas Cage als Charlies Bruder Donald: Ist er nicht total traurig, dieser lustige Partyhengst, der sich mal eben locker bei seinem Bruder einquartiert, selber ein Dutzend-Drehbuch anfängt und locker erfolgreich vollendet und sogar dem Entwurf seines Bruders einen Schluss verpasst, der dem Ekel Robert McKee gefallen hätte? Hübsch auch das, keine Frage.

Fünfte Erklärung: Der Film pfeift auf Erklärungen, er pfeift auch auf Kritik. „Adaption“ beschreibt titelgemäß Anpassung, auf mindestens zwei Ebenen selbstverständlich, und fordert selber Anpassungsfähigkeit, um nicht zu sagen: lustvolle Unterwerfung. Punktum.

Fies guter Film also. Und trotzdem schmollen Kritiker. Weil sie selber nicht immer so richtig selbstironietauglich sind. Weil sie dem Film vorwerfen, dass er die Einwände gegen sich selbst immer gleich mitformuliert, also erledigt. Weil er sich in aller Hypercleverness, Dramaturgietüftelei und Techniklust (der doppelte Cage etwa ist verblüffend perfekt) so genial findet, dass man ihn selber gar nicht mehr genial finden kann. Und weil er dem Zuschauer ein letztes Fünftel zumutet, das er selbst, mit Anführungszeichen, als ganz scheußlich brandmarkt – so Zeug aus der Privatapotheke des Robert McKee eben, dem ewigen Chefarzt unter den Script-Doktoren. Mist bleibt eben Mist, auch mit Anführungszeichen: Muss man doch einfach schlechte Laune von kriegen.

Filmkunst 66, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Rollberg, Zoo Palast;

Cinestar Sony Center und Kurbel (OV) sowie Babylon Kreuzberg (OmU)
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