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KURZ & KRITISCH

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OPER

Echte Menschen,

starke Gefühle

Kann das spannend sein: 155 Minuten Interviews mit Zuschauern der Komischen Oper ? Als Dokumentarvideo? Vor einer weißen Wand? Ungeschnitten? Es kann – und ist am Ende fast große Oper. „Wo wohnen Sie?“, „Was war Ihr prägendes Kindheitserlebnis?“, „Wie war Ihre erster Kuss?“, „Ihr erstes Opernerlebnis?“ Die Fragen des Regisseurs Sven Mundt sind simpel und eigentlich eine Zumutung für jeden, der (wie jeder vorsichtige Großstädter) nicht viel von sich preisgeben will. Die fünf Opernliebhaber sind keine Selbstdarsteller, aber sie wirken oft auf eine sympathische und verstohlene Art neugierig auf ihre Gefühle.

Leit- und Leidmotive tauchen in den Gesprächen auf, verweben sich mit Reflexionen über die Oper, die für alle selbstverständlich zum Leben gehört. Und deutlich kein Luxus ist. Ob Kindheit im Bombenhagel oder Comingout, Geldsorgen oder Glaubenssehnsucht: Diese Zuschauer haben etwas mitzubringen in das „Kraftwerk der Gefühle“. Und die Vergleiche der Erinnerungen an den ersten Kuss mit denen an den ersten Opernbesuch sind sogar das schönste Plädoyer für (mindestens) drei Opernhäuser in Berlin seit langem. Echte Menschen, tiefe Gefühle, starke Motive, Ausstrahlung und viel Ungesagtes zwischen den Worten: Darauf sollte eine Oper heute schlichtweg in ihrer eigenen Sprache antworten können. Mit einem neuen Stück Musiktheater.

Wieder am 13. und 17. Mai sowie 8. Juni im Foyer der Komischen Oper .

LITERATUR

Vater, Mutter,

keine Eltern

Ein Schmerz und keine Form. Es gibt nicht einmal ein Wort für den, der ihn empfindet. „Eine Frau, die ihren Mann begräbt, wird Witwe genannt“, schreibt der Holländer P.F. Thomése . „Ein Kind ohne Eltern ist eine Waise. Wie aber heißen Vater und Mutter eines gestorbenen Kindes?“ Die Gewissheit, dass er seine kleine Tochter Makira verloren hat, konkurriert dabei mit der ungläubigen Frage, ob es denn tatsächlich geschehen ist. Schattenkind ist ein erzählender Essay in höchster Verdichtung: radikal privat, wenn Thomése gesteht, dass er am Totenbett schnell noch die letzten Fläschchen Milch ausgetrunken habe. Und von einer titanischen Abstraktionsanstrengung, wenn er seine letzten Erinnerungsreste an das atmende Wesen ins Allgemeine hinausdenkt.

„Sentimentality is a failure of feeling“, zitiert er den Dichter Wallace Stevens – nicht, um sich gegen die Trauer zu panzern oder sie im Selbstmitleid zu domestizieren, sondern um sie ungeschützt zu erleben. „Schattenkind“ lässt dabei den Anlass seines Entstehens weit hinter sich. Es ist ein Buch über die Paradoxie, Heimsuchungen aller Art verstehen zu wollen: auch politisch-historische Katastrophen. „Die Situation könnte gut auf mich verzichten“, erkennt Thomése. „Ich bin es, der – mit seinen unaufhörlichen Versuchen zu begreifen – diese Situation unbegreiflich macht.“ Gregor Dotzauer

P.F. Thomése: Schattenkind. Aus dem Niederländ. v. Andreas Ecke. Berlin Verlag, Berlin 2004. 112 S., 14,90 €. Der Autor liest am 17. Mai im Roten Salon (20 Uhr).
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