[Kommentare: 0]

„Ich will die Verbrechen meines Großvaters nicht vergessen machen“

Friedrich Christian Flick antwortet auf den Vorwurf, mit seiner Kunstsammlung „Blutgeld“ aus der NS-Zeit reinzuwaschen
Anzeige
Bild vergrößern
Mit dem Vorwurf, „Blutgeld“ in Kunstbesitz verwandelt zu haben, hat Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, am 7. Mai im „Handelsblatt“ die ab September in Berlin geplante Präsentation der Kunstsammlung von Friedrich Christian Flick kritisiert. Flick, Enkel des Rüstungsindustriellen und NSWehrwirtschaftsführers Friedrich Flick, hat auf die Vorwürfe jetzt mit einem (hier leicht gekürzten) Brief an Korn geantwortet. Tsp



Sehr geehrter Herr Korn,

irritiert und schockiert habe ich Ihre Sätze im „Handelsblatt“ gelesen. Sie sind der Meinung, dass es sich bei meiner Sammlung „um eine Art moralische Weißwäsche von Blutgeld in eine gesellschaftlich akzeptable Form des Kunstbesitzes“ handelt. Blutgeld, Geldwäsche, Unmoral – das sind schon Vorwürfe, die unter die Haut gehen. Und es sind Vorwürfe, denen ich wohl entgangen wäre, wenn ich nicht Kunst gesammelt hätte, die ich der Öffentlichkeit präsentieren will, sondern Autos, Yachten oder Flugzeuge zum Privatvergnügen. Es sind Vorwürfe, die ich nicht hinnehmen will.

Blutgeld – die Einführung dieses Wortes in die Debatte bedeutet ja, wenn man bis zum Ende denkt, dass ich Blut an den Händen habe. Mehr noch: Auch meine Kinder und Kindeskinder, jeder meiner Angestellten, der von mir Gehalt bezieht, und sogar der Kellner, dem ich ein Trinkgeld zustecke. Blutgeld – dieses Wort nimmt mich in Haft für Taten, die mein Großvater begangen hat, für die er in Nürnberg verurteilt wurde, für die auch ich ihn verurteilt habe, für die ich aber nicht schuldig gesprochen werden kann. Dieses Wort – so empfinde ich es – soll mich außerhalb der Gemeinschaft stellen, mich kriminalisieren.

Man kann über mein Verhalten – auch darüber, dass ich nicht in den Zwangsarbeiterfonds einbezahlte, sondern stattdessen eine Stiftung gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Intoleranz gründete – unterschiedlicher Meinung sein. Aber warum diese wütende, vernichtende Wortwahl? Und: Ist die Stiftung nun auch blutbefleckt, weil mit Blutgeld finanziert?

Ich habe in den Zwangsarbeiterfonds aus zwei Gründen nicht eingezahlt: Die Flick-Firmen hatten ihren Beitrag schon geleistet, waren zum Teil sogar Gründungsmitglieder des Fonds. Und eine Zahlung der Privatperson Flick hätte den Fonds nicht erhöht, sondern lediglich die Garantiezahlungen großer deutscher Konzerne um diesen Betrag gemindert. Wenn man meine Entscheidung, stattdessen eine Stiftung zu gründen,kritisieren will, kann man das tun, sollte die Beweggründe aber zumindest kennen.

Ich nehme an, Ihre Empörung wird hauptsächlich von meiner Aussage gespeist, was denn falsch daran wäre, wenn die Ausstellung meiner Sammlung auch dazu führen würde, dass der dunklen Seite meiner Familiengeschichte eine hellere hinzugefügt wird. Das habe ich gesagt, und dazu stehe ich auch. Aber gerade wegen der Opfer der Gewaltherrschaft und deren Nachkommen habe ich immer betont, dass ich die Verbrechen meines Großvaters damit nicht relativieren oder gar vergessen machen will.Ich glaube allerdings, dass ich – vor allem mit der Arbeit meiner Stiftung – als Privatperson etwas anstrebe, was Deutschland als Staat seit über 50 Jahren anstrebt: besser zu sein als die Vergangenheit. Ein Staat übrigens, dem man, angesichts der Millionen von Zwangsarbeitern zu Kriegszeiten, ebenso wie mir vorwerfen könnte, heute noch mit „Blutgeld“ umzugehen. Natürlich ist mit dem Namen Flick eine besondere Verantwortung verbunden. Zumal der Einzelne die Verantwortung, die sich aus der Familiengeschichte ergibt, nicht auf die Gemeinschaft delegieren kann. Umgekehrt aber kann die Gesellschaft die Verantwortung, die sich aus der deutschen Geschichte ergibt, auch nicht auf Einzelne übertragen.

Ich jedenfalls habe mich mit meiner Familiengeschichte beschäftigt. Ich weiß, was mein Großvater getan hat. Die Deutschen wissen, was die Deutschen getan haben. Aber die Enkel haben kein Blut mehr an den Händen.
Sie interessieren sich für dieses Thema und wollen keinen Artikel im Tagesspiegel dazu verpassen? » Informieren | » Login

Aus anderen Ressorts

Israel:

Wer ist Benjamin Netanjahu?
Er verliert an Zustimmung, hat aber die Macht. Was er will, weiß niemand genau. Klar scheint aber, dass er Obama misstraut. Doch es heißt, dass er ihn Anfang der Woche trifft.

Flughafen Tegel:

Alle Poker-Räuber gefasst
UPDATE Zwei Wochen nach dem Überfall auf ein Pokerturnier in Berlin ist auch der letzte der vier Tatverdächtigen gefasst worden. Jihad C. wurde gegen 19 Uhr am Flughafen Tegel festgenommen.

Kommentare [ 0 ]

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden

Kommentar hinzufügen Neue Community-Funktionen Richtlinien


Sie können noch Zeichen schreiben.
Kommentare werden nicht sofort angezeigt. Beachten Sie hierzu unsere Richtlinien.

Um diesen Beitrag absenden zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Benutzername  
Passwort  
     
Sie haben noch keinen eigenen Account? Dann bitte
Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.
Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet, und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben werden!

gewünschter Benutzername:
gewünschtes Passwort:
Wiederholung Passwort:
Email:


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wie viel ist 5 + 1 = 


Anzeige
Weitere Themen

Das Theater und sein sozialer Wahrheitswahn Lesezeichen hinzufügen

Von Christine Wahl
Neue Stücke werden kaum gespielt, dafür kommen echt Betroffene zu Wort. mehr...

Jeder braucht einen zum Liebhaben Lesezeichen hinzufügen

Jörg Wunder
Dem großen Soulmusiker Solomon Burke zum 70. mehr...

Deutscher Filmpreis: So kann’s gehen Lesezeichen hinzufügen

Von Jan Schulz-Ojala
Kurz und witzig- mit Iris Berben und Bruno Ganz: In Berlin wurden die ... mehr...

Bar 25 in Texas: Botschaft mit Bulette Lesezeichen hinzufügen

Von Martin Böttcher
Berliner Labelchefs und Bands sind nach Texas gereist, um auf dem SXSW-Festival ... mehr...

Warum gerade jetzt? Lesezeichen hinzufügen

Von Vera Kattermann
Kindheit und Tabu: Die öffentliche Auseinandersetzung über sexuellen Missbrauch ... mehr...
Fotostrecken

Simulationen zur Museumsinsel (4 Bilder)

Duckomenta (20 Bilder)

Schinkel-Wettbewerb 2010 (14 Bilder)

Oscars 2010 (25 Bilder)

Oscar-Nominierungen 2010 (20 Bilder)

Die Preisträger der Berlinale (12 Bilder)
Anzeige
» ERGEBNIS ANSEHEN
Anzeige