Der neue alte Antisemitismus tritt über alle Grenzen – und Europa muss reagieren
Plötzlich geht das alte Gespenst wieder um in Europa – und in der Welt. Der Antisemitismus. Er schien durch den Holocaust schon besiegt, denn noch nie hatte sich eine Tat gewordene Wahnidee über alle geschichtsübliche Grausamkeit und Barbarei hinaus derart als Menschheitsverbrechen im zivilisatorischen Bewusstsein diskreditiert. Gespenster aber haben ein langes Leben, oft schlafen sie nur. Wie der Nationalismus oder religiöse, ideologische Fanatismen.
Nun kommt alles zusammen: in Deutschland die Hohmann-Rede, die Degussa-Mahnmal-Debatte. In Frankreich brennt bei Paris eine Schule für jüdische Kinder, in Istanbul explodieren zwei Synagogen, in Griechenland nennt der Komponist Mikis Theodorakis die Juden und den Staat Israel eine „Wurzel des Bösen“. Und bei einer Umfrage in den EU-Ländern hält eine Mehrheit der (wie suggestiv auch immer) Befragten Israel für die stärkste Bedrohung des Weltfriedens.
Im Fall Hohmann und letztes Jahr bei Möllemann wurde von führenden Politikern der CDU und der FDP – auch von denen, die für einen Fraktions- oder Parteiausschluss waren – jedes Mal bestritten, dass die anrüchig gewordenen Parteikollegen „persönlich Antisemiten“ seien. Diskutiert wurde nur, ob die zögerlichen Entschuldigungen oder Erklärungen als Widerruf ausreichten. Freilich gab es in beiden Fällen nichts zu entschuldigen und schon gar nichts misszuverstehen.
Wer im deutschen Wahlkampf in und um Münster als letzte Karte auf einmal ein Flugblatt mit Friedmann und dem israelischen Ministerpräsidenten zieht, wer sich am deutschen Nationalfeiertag in und um Fulda vor allem mit jüdischen Bolschewisten und ihrem „Tätervolk“ beschäftigt, der setzt bewusst auf antisemitische Ressentiments. Inhalt, Kontext und Intention sind hier nicht mehr erklärungsbedürftig.
Viel vertrackter und im Grunde peinlicher, weil durch keine rationale Entscheidung zu lösen, ist der jüngste Streit im Zusammenhang mit dem Berliner Holocaust-Mahnmal. Jüngere Menschen, auch junge deutsche oder fernere amerikanische Juden (wie der New Yorker Mahnmal-Architekt Eisenman) halten es für überspannt, die heutige Firma Degussa noch direkt haftbar zu machen für jene Tochterfirma der Degussa-Mutter vor 1945, die das Zyklon B für die NS-Mordlager lieferte. Trotzdem gibt es Auschwitz-Überlebende, für die es eine schlimme Vorstellung ist, dass der Graffiti-Schutz für Eisenmans zweieinhalbtausend Betonstelen im künftigen Mahnmalfeld gerade von Degussa stammt. Um von der Ahnenforschung im Beton der Fundamente erst gar nicht zu reden.
Mangels praktischer Alternative wird in Berlin nun weitergebaut wie bisher. Zumal dieses Mahnmal den deutschen Verstrickungen und Komplexen ohnehin nicht entgehen könne. Das ist eine pragmatische Entscheidung. Doch ihre Vernunft kommt gegen den moralischen Einspruch eines in seinen Gefühlen verletzten Holocaust-Überlebenden schwerlich an. Die Erfahrung von Auschwitz übersteigt hier alle Argumente der Vernunft. Es ist derselbe Konflikt wie einst bei der von Holocaust-Opfern verhinderten Aufführung von Fassbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“: Zu sagen, hier spricht kein antisemitischer Autor, es gibt nur die Rede-Rolle einer antisemitischen Figur, und im übrigen „müsst ihr euch das ja nicht anschauen“ – dieses Beharren auf der Kunstfreiheit war gegen den leibhaftigen Protest von Menschen, die vor und im Theater ihre KZ-Nummern auf den nackten Armen zeigten, nicht möglich.
Dass ein ähnlicher Einspruch jetzt in Berlin gegen Degussas Mahnmal-Beteiligung (oder bei den soeben in Erlangen gegen alle Proteste aufgeführten „Wölfen“ des NS-Autors Hans Rehberg) nicht mehr entscheidend durchdrang, liegt nicht nur an den konkret unterschiedlichen Situationen. Es hat vielmehr zu tun: mit der Historisierung des Holocaust nach 60 Jahren. Bald gibt es keine Opfer und keine Täter und keine überlebenden Zeugen mehr. Das Band der Erinnerung und Mahnung, das Band auch der Verstrickung wird immer dünner. Das ist das Einzige, was bei dem so oft gedankenlosen Reden von der „Normalisierung“ zählt.
Die Entscheidung, das ohnehin abstrakte Berliner Stelenfeld nun ohne weitere Rücksicht auf einen metaphysischen Makel fortzuführen, ist wohl das erste spektakuläre Indiz dieser Historisierung. Zum Geschichte-Werden gehört allerdings auch die Wiederkehr: nicht der Geschichte selbst, aber oft genug ihrer scheinbar abgelegten Ideen, Phantasmen, Gespenster. Und angesichts der jüngsten neuen Eruptionen des internationalen Antisemitismus – nicht zu verwechseln mit der politischen Kritik an der Scharon-Regierung –, wirken die Skandale um unsere Hohmänner ein wenig von gestern. Im doppelten Sinne.
Der Anteil von mehr oder weniger dezidierten Antisemiten wird in den westlichen Industriestaaten generell auf ungefähr 15 Prozent der Bevölkerung geschätzt. Dass diese sich wie alle Wahnhaften gegen Informationen und wohlmeinende Belehrung als weitgehend resistent erweisen, hat Henryk M. Broder erst unlängst im „Spiegel“ belegt. In Deutschland aber stehen sie aus Gründen unter der vergleichsweise strengsten Aufsicht, und auch deswegen werden die Antisemiten den Juden Auschwitz nie verzeihen.
Der Blick über Deutschland (oder Österreich) hinaus kann nun die eigene Verantwortung nicht mindern. Es geht hier nicht um ein entlastendes Fingerdeuten auf andere. Der Antisemitismus aber geht um in Europa, wo er keine deutsche Erfindung war. Doch noch immer fällt es ehemaligen Opfer-Staaten des Zweiten Weltkrieges schwer, sich ihrer Kollaboration beim Holocaust zu erinnern. Juden werden heute ebenso wie Sinti und Roma in fast allen Ländern Ost- und Südosteuropas offen diffamiert und attackiert. Die Europäische Union hat dagegen nie entschieden ihre Stimme erhoben. Und in Westeuropa verbinden sich traditionell antisemitische Milieus inzwischen mit fundamental islamistischen Kräften. Wobei sich der Hass auf Israel in den islamischen Staaten über Europa hinaus immer mehr zu einem (früher etwa unter Arabern unüblichen) rassistischen Affekt gegen Juden und eine angebliche amerikanisch-israelische Weltverschwörung auswächst.
Daraus folgt, dass vor allem die EU ihre Haltung zum Nahost-Konflikt differenzieren muss. Neben die berechtigt scharfe Kritik an Scharons Siedlungs- und Annektionspolitik müsste in mehr als nur Nebensätzen die Verurteilung organisierter Hass- und Gewaltattacken im eigenen und im islamischen Raum treten. Auch die neue Menschheitsgeißel, Kinder und Jugendliche in lebende Bomben zu verwandeln, wäre längst ein Fall – für die UN. Und: Wer von Demokratie redet, muss von Israel reden. Denn nie zuvor hat ein Land, seit seiner Staatsgründung um die Existenz kämpfend, in über 50 Jahren Kriegszustand eine frei gewählte zivile Regierung bewahrt. Davon in einer UN zu sprechen, die so viele Diktaturen versammelt, ist schwer. Schwerer als in Europas Parlamenten, Schulen und Medien. Auf dem Kontinent der alten Gespenster und neuen, besseren Geister.
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