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Das Glück im Rückwärtsgang

François Ozon verfolgt in seinem neuen Film „5 x 2“ die Geschichte einer Liebe – von der Scheidung bis zum Kennenlernen
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Niemals die Pointe des Films verraten, lautet die eiserne Regel. Was aber, wenn der Regisseur selbst den Schluss verrät, wenn er seinen Film gleich mit dem Ende beginnen lässt? Die Ehe von Marion (Valeria Bruni-Tedeschi) und Gilles (Stéphane Freiss) ist gescheitert, bevor der Film überhaupt angefangen hat. Ein Treffen vor dem Scheidungsrichter, eine letzte, bittere Begegnung im Hotel, versuchte Nähe um alter Zeiten willen, dann fällt die Tür ins Schloss. Aus. Und aus dem Off erklingt, höhnisch, wie ein Schlag ins Gesicht, ein Liebeslied von Paolo Conte „Ho capito che ti amo“.

Was nützt, wenn man bleich vorm Scheidungsrichter sitzt, der Gedanke ans frühere Glück? Vergiftet längst ist jede schöne Erinnerung durch das Wissen um die Folgen. Das begreift, wer sieht, wie der französische Regisseur François Ozon eine Geschichte rückwärts erzählt. Das gemeinsame Leben in fünf Episoden, zurückgespult vom Ende zum Anfang: ein Essen mit Freunden, während die Beziehung längst kriselt, die Geburt des Sohns, die ausgelassene Hochzeit und das Kennenlernen am Strand. Immer glücklicher, immer verliebter werden die beiden: Nichts könnte trauriger sein.

Harold Pinter hat so etwas schon einmal gemacht, in dem schönen Film „Betrayal“ von 1983, mit Jeremy Irons und Ben Kingsley. Oder Christopher Nolan mit „Memento“, Gaspar Noe mit „Irréversible“. Rückwärts erzählte Geschichten, die vom Wissen um die Zukunft leben. Denn natürlich sucht man in „5 x 2“ von Anfang an nach Indizien. Was ist wo schiefgelaufen, wer hat wann welchen Fehler gemacht? Hatten die beiden überhaupt je eine Chance?

Das erste Treffen, während seine Noch-Freundin eine Bergwanderung unternimmt: War da nicht schon Eifersucht im Spiel, Misstrauen und Kontrollbedürftnis? Die Hochzeitsnacht, das Liebesgeständnis am nächsten Morgen: Ist sie so leidenschaftlich, weil sie ihn betrogen hat? Und warum kann er ihr nicht beistehen, als das Kind kommt, per Kaiserschnitt? Warum erzählt er, im Beisein von Freunden, von einem Seitensprung? Das ist schon längst der Ehekrieg, Blicke wie gekreuzte Schwerter, Verletzungen auf beiden Seiten, Grausamkeit.

Und trotzdem war da Liebe, war da Glück. Selten gab es eine so strahlende Hochzeit, eine so leuchtende Braut. Einen Bräutigam, der seine Frau auf Händen trägt, ein Paar, das sich selbst genug ist beim ausgelassenen Tanz im Kreis der Freunde. Und mag er auch einschlafen, in der Hochzeitsnacht, und mag sie einen Fremden küssen, in der gleichen Nacht: Die zwei haben aneinander geglaubt.

Er hat sich Valeria Bruni-Tedeschi, die sonst oft melancholisch verschattete französisch-italienische Charakterdarstellerin, einmal glücklich gewünscht, erzählt François Ozon. Sie, die sonst so gern den Kopf und den Blick senkt, solle einmal das Kinn heben, selbstbewusst sein, strahlend, das Haar leuchtend blondiert und noch leuchtender das Lächeln. All das kann sie und tut sie auch, spielt ausgelassen, mühelos und federleicht. Und doch wird man in keiner Minute die Großaufnahme ihres Gesichts vor dem Scheidungsrichter vergessen. Diese graublasse Kälte, die rot-verschwollenen Augen, das farblos-aschblonde Haar, die versteinerte Körperhaltung. Eiszeit der Gefühle. Es hätte nicht zur schrecklichen letzten Begegnung kommen müssen, zur Vergewaltigung im Hotelzimmer, damit man begreift, dass diese Frau das Opfer ist, das Opfer der Liebe, der zulange ausgehaltenen Liebe.

Trotzdem ist sie, allein durch ihre Präsenz, immer die Stärkere. „Du hast gewonnen“, ruft ihr der geschiedene Ehemann anklagend zu, der plötzlich schwach ist und dadurch brutal und mit Gewalt zurückholen will, was er doch längst verloren hat. Auch wenn sie den Vorwurf zurückweist und von Gewinnen nichts wissen will, nur von Abschied und Schluss, ist sie es, die geht und die Tür hinter sich zuzieht. „Una lacrima sul viso“ singt Bobby Solo.

Verglichen mit dieser Frau hat der Mann schlechte Karten: ein Unsympath, voller Selbsthass, zerstörerischer Energie, von Anfang an. Einer, der selbst nicht weiß, was er will – und das mit aller Grausamkeit an anderen auslässt. Der Fernseh-Schönling Stéphane Freiss ist eine gute Besetzung: ein smarter, glatter, schwacher Mann, rätselhaft, voller unterdrückter Komplexe. Das starke Opfer, der schwache Täter: Das Ungleichgewicht zwischen beiden könnte eine Schwachstelle des Films sein. Und ist doch nicht verwunderlich bei einem Regisseur wie François Ozon, der ein Meister in der Zeichnung starker Frauenfiguren ist. Charlotte Ramping als schöne, trauernde Ehefrau in „Unter dem Sand“ und als missgünstige, alternde Schriftstellerin in „Swimmingpool“: starke Frauenrollen. Die „Acht Frauen“ von Catherine Deneuve über Fanny Ardant bis zu Isabelle Huppert und Emmanuelle Beart: eine ganze Riege starker Frauen. Seinen nächsten Film „Le temps qui reste“ zentriert Ozon um Jeanne Moreau.

Und doch ist „5 x 2“ kein zynischer Film. „Es ist keiner der Filme, die schlecht ausgehen, sondern ein Film, der gut anfängt“, hat Valeria Bruni-Tedeschi gesagt. Und Ozon hat betont, er habe das Kennenlernen am Strand mit Rohmer-hafter Leichtigkeit drehen wollen. Das ist ihm, mit einem kitschigen Sonnenuntergang am Meer, zwar nicht ganz geglückt. Und doch mag man den beiden nach dieser letzten Episode noch eine zweite, erste Chance geben. Nur eines spricht dagegen: der Soundtrack. Eine Serie schönster italienischer Liebeslieder hat Ozon zusammengestellt, die von Episode zu Episode melancholischer werden. „Se mi perderai“, heißt das letzte Lied. Die Musik wusste schon immer Bescheid.

In Berlin ab Donnerstag in den Kinos Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei, OmU im fsk am Oranienplatz.
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