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Toleranz ist nur ein erster Schritt

Mit Intelligenz und Kraft für den Frieden kämpfen / Eine Dankesrede von Daniel Barenboim
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Seit 2002 vergibt das Jüdische Museum in Berlin alljährlich den „Preis für Verständigung und Toleranz“. In diesem Jahr wurden der Pianist, Dirigent und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, Daniel Barenboim, sowie der Ex-Vorstandsvorsitzende von BMW, Helmut Panke, ausgezeichnet. Die Laudatio auf Barenboim hielt Alt-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, die auf Panke Bundeskanzlerin Angela Merkel. Frühere Preisträger waren der Unternehmer Michael Otto, Alt-Bundespräsident Johannes Rau, die Verlegerin Friede Springer, Ex-Bundesinnenminister Otto Schily, der Kunstsammler Heinz Berggruen und der FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff. – Wir dokumentieren im folgenden Daniel Barenboims Dankesrede in Auszügen. Tsp



Die Beschäftigung mit den geistigen Werten und ihren Gefährdungen bietet an diesem Ort, dem Jüdischen Museum in Berlin, die Chance zu lebenslangem Lernen, für jüdische und nichtjüdische Menschen gleichermaßen. Dieses Voneinander-Lernen freilich braucht kulturelle Institutionen wie Museen, Theater, Orchester und Opernhäuser – allesamt Einrichtungen, die hier in Berlin in einem lebendigen künstlerischen Wettstreit stehen, und die deshalb ihren Zuspruch durch ihr Publikum jeden Tag neu erarbeiten müssen, durch künstlerische Höchstleistungen und durch ein überzeugendes künstlerisches Ethos.

In der Preisurkunde heißt es, dass das Jüdische Museum mit Entschlossenheit dafür steht, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen und mit Blick auf die gesellschaftlichen Probleme der Gegenwart und der Zukunft zu lernen. In dieser Entschlossenheit, mit dieser Entschlusskraft hat sich das Jüdische Museum auch institutionell einen hohen Selbstständigkeitsgrad gesichert und nicht zuletzt mit vollem Recht der Unterstützung durch die Bundesregierung versichert.

Diese erfolgreiche Gemeinsamkeit von Bund und Land beim Jüdischen Museum müsste in der Berliner Kulturlandschaft längst zu einem eigenen Lernprozess geführt haben, ein Lernprozess, der für die Staatsoper immer noch aussteht. Und genau dies macht mir große Sorgen.

Kultur und Erinnern hängt eng zusammen. Wenn wir in unseren Kultureinrichtungen unsere innersten Werte so vermitteln wollen, dass die zu uns kommenden Menschen diese Werte im schönsten Sinn des Wortes verinnerlichen, so sehr, dass sie sich auch im täglichen Leben daran erinnern, haben wir insbesondere im Blick auf die Toleranz viel erreicht. In diesem Zusammenhang kommt mir allerdings ein weises Goethe-Wort in den Sinn. Goethe sagt in seinen „Maximen und Reflexionen“: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen, denn dulden heißt beleidigen.“

Wo kann man besser für diese Form menschlicher Anerkennung werben, wenn nicht in unseren Konzerthäusern, in unseren Theatern und in unseren Opernhäusern? Dies tun zu können, erfordert zum einen volle künstlerische Freiheit. Aber wir brauchen auch wirtschaftliche Freiräume, damit wir die von uns zu Recht eingeforderten Leistungen auch tatsächlich erbringen können. Wie wir dies künftig besser gewährleisten können, darüber sollten wir gerade auch an diesem Abend gemeinsam nachdenken. Gerade in diesem Haus hier kann man lernen, dass wir nie aufhören dürfen zu hoffen – auch auf Einsicht und Vernunft!

Und es ist von diesem Haus aus, dass ich mir, wie auch mein hoch geschätzter Freund David Grossman es anlässlich seiner Rede zum Gedenken an Itzhak Rabin tat, erlaube, an die israelische Regierung zu appellieren. Wir haben das historische Glück gehabt, nach 20 Jahrhunderten der Existenz als Minderheit überall auf der Welt eine Nation werden zu dürfen. Wir dürfen die Werte, die in der gesamten jüdischen Geschichte respektiert wurden, nämlich Würde, Großzügigkeit und Intelligenz, nicht vergessen. Wir müssen das Leid der Palästinenser anerkennen. Das macht uns nicht schwächer. Wir müssen uns daran erinnern, dass Israel bei seiner Gründung allen Bürgern Gleichheit versprochen hat, auch den nichtjüdischen. Wir, das jüdische Volk, haben nur ein Kapital, und das ist moralischer Natur. Wir haben kein Recht, die Gebiete anderer zu besetzen, und wir müssen die Intelligenz und Kraft finden, für den Frieden zu kämpfen. Und zwar mit mindestens der doppelten Intensität, mit der wir Krieg geführt haben. Das ist unser jüdisches Erbe.

Um genau dafür werben zu können, setze ich mich nun hoffnungsfroh an den Flügel, an dem ich mich nach wie vor wohler fühle als an einem Rednerpult. Gemeinsam mit unserem ägyptischen Solo-Bassisten des West-Östlichen Diwan-Orchesters, der ja gewissermaßen im Nebenberuf auch noch Solo-Bassist der Berliner Philharmoniker geworden ist – also gemeinsam mit dem Araber Nabil Shehata spiele ich nun an diesem ganz besonderen Ort den jüdischen Klagegesang „Kol Nidrei“, aufgeschrieben von dem deutschen Komponisten Max Bruch. Ich danke Ihnen, dass Sie mir so aufmerksam zugehört haben!

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