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Hauptsache hybrid

Steffen Richter erklärt, warum Literatur oft mit anderen Künsten flirtet
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Mit einer Kunst allein kann man heute keinen Blumentopf mehr gewinnen. Der Trend geht zum artistischen Crossover: Literatur und Musik, Literatur und Fotografie, Literatur und Film. Das hat auch eine (kultur-)politische Seite. Gefördert wird nämlich mit Vorliebe, was man unter „Event“ verbuchen kann. Die Zukunft, das steht fest, wird interdisziplinär, multimedial, grenzüberschreitend.

Ein Projekt, das den Mix der Sparten ernst nimmt und wirklich kreativ ist, heißt „Stille Post der Künste“. Der Plan ist so schlicht wie überzeugend: Katja Lange-Müller schreibt eine Erzählung. Der Text geht anonymisiert an den Fotografen Sascha Weidner, der mit der Kamera auf das Geschriebene reagiert. Das Foto erhält der Kontrabassist Klaus Janek, der sich seinerseits inspirieren lässt. Und so geht es weiter zur Lyrikerin Ann Cotton, zum Fotografen Jonas Maron und schließlich zum Schriftsteller Kolja Mensing. Jeder hat drei Wochen Zeit, keiner kennt seine Vorarbeiter. Die Idee, das Kinderspiel „Stille Post“ zu nobilitieren, stammt von Studenten des Masterstudiengangs „Angewandte Literaturwissenschaft“ der FU. Wie viel von Katja Lange-Müllers Ursprungsidee bei Kolja Mensing ankommt und welche Gestalt sie unterwegs annimmt, ist eine spannende Frage. Beantwortet wird sie am 23.5. (20 Uhr) in der Literaturwerkstatt (Knaackstraße 97, Prenzlauer Berg). Dann treffen sich erstmals alle Beteiligten – was gleichermaßen überraschend wie amüsant sein dürfte.

Ein exquisites Multimedia-Unternehmen schickt auch das Literarische Colloquium ins Rennen. Dafür haben ein Dutzend Schriftsteller ihren Berliner Lieblingsort beschrieben. Das allein wäre fast dröge, weshalb der Fotograf Tobias Bohm dabei war und Bilder geliefert hat. Eingelesen wurden die Texte auch. Nachlesen, nachhören und nachschauen kann man die „Literatouren“ auf der für das literarische Berlin und Brandenburg maßgeblichen Internetseite literaturport.de. Für unverbesserliche Traditionalisten werden die Geschichten allerdings auch im schönen Dinosaurier-Medium Buch erscheinen. Und einstweilen informieren Judith Hermann, Kristof Magnusson und Elke Schmitter vorab über ihre liebsten Orte – am 23.5. (20 Uhr) im LCB (Am Sandwerder 5, Zehlendorf).

Voll im Trend liegen natürlich integrative Großveranstaltungen wie die Literaturwoche Prenzlauer Berg vom 24.5. bis 6.6. (www.literaturortprenzlauerberg.de). Sie beginnt am Samstag (16 Uhr) mit der Verleihung eines Literaturpreises in der Bibliothek am Wasserturm (Prenzlauer Allee 227/228). Weiter geht es am Sonntag beim Literaturfest am Kollwitzplatz mit Lesungen im Halbstundentakt (13 bis 20 Uhr – unter anderem mit Felicitas Hoppe und Ingo Schulze). Zum Programm gehören auch Michael Roes’ Film „Timimoun“ und ein Gitarre spielender Jan Böttcher. Das ist schon mal nicht schlecht. Wir aber warten auf den symphonisch strukturierten literarischen Comic, den man sich in Gestalt einer performten Installation als Film aufs Handy laden kann.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 20.05.2008)
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