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Das Schaukeln der Bilder

40 Jahre Neue Nationalgalerie: Wie Mies van der Rohes Ausnahmebau Berlins Kunstwelt prägte
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Viele Zwerge und ein Riese. Bei der ziemlich geräuschlos verstrichenen 5. BerlinBiennale hatten im Frühjahr diverse jüngere zeitgenössische Künstler versucht, dem Mythos Neue Nationalgalerie etwas Eigenständiges entgegenzusetzen. Sie haben das Gebäude mit bunten Fahnen verhängt, eine gereckte Metallfaust davor und eine Bushaltestelle daneben gestellt, sie haben Fensterscheiben weiß gestrichen oder riesige Plastikmöbel mitten in die Halle gestellt. Vergebens. Verglichen mit der universellen Weite des Raums wirkte alles darin recht klein und unerheblich. Die Ehrfurcht war groß vor Mies van der Rohe. Der Mut kleiner.

Noch mit die eindrucksvollste Arbeit war Susanne Winterlings Auseinandersetzung mit dem Mies’schen Raum. In die beiden Garderobenkojen hatte sie Videoschirme installiert, darauf sah man das Kondenswasser, das bei ungünstigem Klima die großen Glasscheiben entlangläuft. Ein Meisterwerk mit kleinen Makeln: Auch jetzt, zum 40. Jubiläum der Neuen Nationalgalerie, geht es intern vor allem um konservatorische Sorgen, um Verunstaltungen wie die mit Fugen versehenen Glasscheiben, geht es darum, dass anspruchsvolle Architektur wie diese auch in der Pflege ihre Forderungen stellt. Billig ist das nicht. Und nicht von der Stange. Doch eine Generalüberholung ist an der Zeit.

Der Kampf mit dem Raum – das ist der stete Generalbass, über dem der Sirenengesang vom schönsten Museumsraum der Welt ertönt, der immer wieder angestimmt wird, wenn es um die 1968 von Mies van der Rohe entworfene Neue Nationalgalerie in Berlin geht. Wie ein Zwerg hatten sich hier schon die ersten Hausherren gefühlt: „Es ist, als ob ein armer Lehrling in einen Mercedes 600 stiege“, hatte Werner Haftmann gesagt. Und auch Mies selbst hatte offen zugegeben, dass sein Entwurf eine Herausforderung für die Ausstellungsmacher sei: „Es ist eine große Halle, die natürlich große Schwierigkeiten für das Ausstellen von Kunst bedeutet“, sagte er einmal. „Aber sie hat so große Möglichkeiten, dass ich auf diese Schwierigkeiten keine Rücksicht nehmen kann.“ Haben nicht alle Ikonen der modernen Museumsarchitektur, von Frank Lloyd Wrights Guggenheim-Schnecke in New York bis zu Frank Gehrys Guggenheim in Bilbao, mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen?

Die Probleme begannen gleich mit der allerersten Ausstellung. Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, der mit dem Jubiläum seinem Abschied entgegengeht, hat gerade noch einmal daran erinnert, wie bei der Eröffnungsausstellung mit Mondrian-Bildern am 15. September 1968 das auf Stützen frei schwebende Dach bei Wind zentimeterweit in Schwingung geriet, so dass die an langen Fäden aufgehängten Stellwände mit den Bildern ins Schaukeln gerieten. Kunst zum Tanzen bringen: Gibt es, konservatorische Bedenken mal beiseitegelassen, ein schöneres Bild für ein Museum?

Seitdem reißen die Versuche nicht ab, der großen Halle als Ausstellungsraum beizukommen. Denn im dunklen Untergeschoss, in jenem Labyrinth aus 23 Einzelräumen, die sich auf den (leider nur selten zugänglichen) Skulpturengarten öffnen, präsentiert sich fast jede Kunst aufs Schönste, seien es die gefeierten Gastspiele aus dem MoMA und dem Metropolitan oder aktuell Hiroshi Sugimotos kühl-sinnliche Schwarzweißfotografie, die nicht von ungefähr auch den Ikonen der Moderne wie Mies und Gropius huldigt.

Doch im Obergeschoss, acht Meter hoch, 50 Meter breit und lang, Granitboden, schweres Stahldach, dazwischen nur Licht und Luft, experimentiert man mit Einbauten, sobald die Kunst ins Spiel kommt. Die Skulptur hat es noch am leichtesten: Unvergessen Giacomettis schmale, einsame Jahrhundertfiguren, oder auch Ulrich Rückriems dem Mies’schen Quadratraster so klug huldigende Jubiläumsgabe vor zehn Jahren. Auch Panamarenkos Luftschiff von 1978 ist noch gut in Erinnerung.

Aber auch die Lichtkunst, von Jenny Holzers noch immer des Nachts über das Dach laufenden orangefarbenen Spruchbändern bis zu Keith Sonniers Lichtinstallation in Rot, Gelb, Blau hat sich hier gut behauptet, weil sie dem Raum huldigt, ja, ihn betont. Und selbst ein Mark Wallinger, der verkleidet als Bär eine Nacht lang durchs Gebäude streunte, oder eine Vanessa Beecroft, die das Glashaus konsequent zur Schaufenstervitrine für ihre Frauenarrangements machte, verneigen sich auf ihre Art noch vor dem Mythos.

Schwieriger wird’s, sobald Malerei präsentiert werden soll. Aktuell hat Paul Kahlfeldt, einer der sensibleren, strengeren Architekten, der eindeutig in der Mies’schen Tradition steht, dem Münchner Farbmagier Rupprecht Geiger zum 100. Geburtstag ein Gehäuse gebaut, das dessen leuchtende Bahnen so gut es geht vor zu viel Tageslicht schützt – und dabei die Weite des Raums, die Geigers universellen Farbräumen so schön hätte entsprechen können, verstellt. Jörg Immendorff, der sich, wie viele andere, den Ort als ultimative Huldigung gewünscht hatte, baute für seinen letzten großen Auftritt „Male Lago“ 2005 eine ganze rote Stadt in die Halle. Ein Labyrinth, und draußen die Stadtwüste, das passte. Und auch Jannis Kounellis hatte sich im vergangenen Winter ein Labyrinth ins Haus gestellt, aus rostigem Stahl, das war auch eine Antwort auf den Raum, und keine schlechte.

Nur die ständige Sammlung, für die diese Räume einst geschaffen wurden, ist hier höchst selten zu sehen – man plant museumsintern einen Umzug in die benachbarte Gemäldegalerie, in allerdings noch ferner Zukunft. Und die Neue Nationalgalerie wäre dann nur noch für Wechselausstellungen da, „das Haus für Sonderausstellungen in Berlin“, wie Stiftungspräsident Hermann Parzinger schon verkündet. Denn, Hamburger Bahnhof und Museum für Gegenwartskunst hin oder her, am liebsten wollen alle Künstler in die Nationalgalerie. Auf den Olymp.

Aus Anlass des Jubiläums ist am heutigen Sonntag der Eintritt in die Neue Nationalgalerie und ihre Sonderausstellungen frei (11 bis 18 Uhr). Morgen gibt es ab 20 Uhr ein „Open House“ mit Architekturdiskussionen, Musikintermezzi und Künstlerinterventionen. Pogramm: www.neue-nationalgalerie.de

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 14.09.2008)
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Kommentare [ 1 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von unbekannt | 14.9.2008 12:33 Uhr
Bei aller Begeisterung...
... über den Ludwig-Mies-van-der-Rohe-Bau wollen wir mal nicht vergessen, dass van der Rohe (eigentlich: eigentlich Maria Ludwig Michael Mies) hier einfach seinen alten, nicht umgesetzten Entwurf für das Verwaltungsgebäude der Bacardi Rum Company auf Kuba aus der Schublade gezogen hatte, der als Gemäldegalerie herzlich ungeeignet ist.

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