Artemis Quartett : Die gerissene Saite

Nach dem tragischen Tod von Bratschist Friedemann Weigle tritt das Artemis Quartett erstmals in neuer Formation im Berliner Kammermusiksaal. Sie ringen, sie suchen nach Nähe: ein Konzert mit Werkstattcharakter.

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Die alten und neuen Artemisten: Der Bratschist Gregor Sigl, Primaria Vineta Sareika, Cellist Eckart Runge und – neu dabei – Anthea Kreston als zweite Geigerin (v.l.).
Die alten und neuen Artemisten: Der Bratschist Gregor Sigl, Primaria Vineta Sareika, Cellist Eckart Runge und – neu dabei – Anthea...Foto: Felix Bröde/Promo

Kann schon mal passieren, dass eine Saite reißt, mitten im Satz. In solche Zufälle, zumal bei historischen Instrumenten, braucht man keinen tieferen Sinn hineinzugeheimnissen, aber bei diesem ersten Berliner Konzert des Artemis Quartetts in neuer Besetzung verschlägt es dem Publikum im Kammermusiksaal dann doch den Atem. Nach dem tragischen Tod des Bratschers Friedemann Weigle, der sich im Juli 2015 das Leben nahm, nach diesem Schock ist auch bei Artemis ein Lebensfaden gerissen – bei jenem Quartett, das seinen Weltrang dem kompromisslosen, die existentiellen Abgründe nicht scheuenden Spiel verdankt. Und es ist nicht irgendein Instrument, sondern ausgerechnet Weigles Bratsche, die nicht mehr mitspielen will. Gregor Sigl musiziert jetzt auf ihr, nachdem er in einer internen Rochade zur Bratschenposition wechselte – die zweite Geige spielt jetzt nach langem Castingprozess die Amerikanerin Anthea Kreston.
Das Instrument macht Sigl bei Beethovens Rasumowksy-Quartett op. 59. Nr. 1 von Anfang an zu schaffen. Die Intonation hält nicht, und im Schlusssatz, nach dem Adagio molto e mesto, dieser ins Verschwinden hinein komponierten Musik, passiert es dann. Es ist, als melde sich mit der gerissenen Saite der verlorene Freund aus der Ferne, als sei er noch einmal dabei, hier im Kammermusiksaal, wo Weigle als der einzige Ur-Berliner im Berliner Quartett so viele Heimspiele absolviert hat.
Beim Adagio mit seiner f-Moll-Wehmut und den erschöpften Abwärtsmotiven – „ein Trauerweiden- oder Akazienbaum aufs Grab meines Bruders“, schrieb Beethoven dazu, weil er über die Heirat des Bruder unglücklich war – fasst die Musik einen an diesem Abend zum ersten Mal an. Zuvor, bei Hugo Wolfs „Italienischer Serenade“ und bei Leoš Janáčeks Streichquartett Nr. 1, zu dem sich der Komponist von Tolstois Eifersuchtsroman „Kreutzersonate“ inspirieren ließ, hatten die vier ihre Hörer eher irritiert. Mit brodelnder Unruhe und verhaltener Hysterie erkunden sie Janáčeks zerklüftete Seelenlandschaft, wobei Cellist Eckart Runge, der einzige aus der Gründungsformation, mit fast unwirsch kratzendem Bogenstrich den Ton vorgibt.

Wie ein Suchtrupp bewegt sich das Quartett durch Janáceks Streichquartett Nr. 1

Man geht wie auf zersplittertem Glas. Jedes Melos, jede noch so kurze Harmonie wird von Störmanövern zersetzt, von aggressiven Einwürfen, geräuschhaften Flageoletts, quälenden Tremoli. Lauter lose Enden, lauter Vergeblichkeiten: Das Quartett wird zum Suchtrupp mit nervös pochendem Herzen. Nein, die Welt ist überhaupt nicht in Ordnung; man verliert sich darin.
Auch bei Beethoven finden die Artemisten in ihrer neuen Zusammensetzung zunächst nicht recht zusammen. Krestons und Sigls kräftigere Mittelstimmen überdecken mitunter den schlanken Ton der Primgeigerin Vineta Sareika. Die vor Schönheit fast schmerzende Klangkultur des Quartetts, der Wahrheitsanspruch seiner luziden Beethoven-Einspielungen, man wartet vergeblich darauf. Ein Konzert mit Werkstattcharakter: Bei aller Inhomogenität ist es sehr bewegend zu hören, wie die vier nach Nähe suchen, um Zukunft ringen. Sekundenweise blitzt sie auch auf, etwa bei der fein verästelten Fuge in der Durchführung von Beethovens Eröffnungssatz. Aber es ist eine Odyssee, das wird schon bei Janáček klar.


Wie es weitergeht? Am 23. Mai ist das Artemis Quartett wieder im Kammermusiksaal

Erst beim fahlen Beginn von Beethovens Adagio kommt Land in Sicht. Die Musik schluchzt, stockt, verstummt, das Cello erhebt seinen kurzen Klagegesang, wird von der ersten Geige getröstet, und Beethoven breitet ein Leichentuch aus. Hier ist sie wieder, die Musik als Existenzfrage, als Unabdingbarkeit. Ausgerechnet diese Musik der Stille sorgt für einen Energieschub, der sich im Furor des Finalsatzes entlädt, mit all seinen Trugschlüssen, Überraschungsmomenten und dem seltsam offenen Schluss.
Wir bewegen uns auf unsicherem Boden, sagen die Artemisten und wählen als Zugabe den Finalsatz von Mozarts G-Dur-Quartett KV 387. Betörend schlicht die Melodik – und noch einmal ein zweifelnder, fragender Nachklang. Wie es weitergeht? Schön, dass das Publikum dabei sein darf. Das Artemis Quartett gastiert wieder am 23. Mai im Kammermusiksaal, auf dem Programm stehen Mozart, Grieg und eine Uraufführung von Eduard Demetz.

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