Kultur : Artisten unter der Zirkuskuppel

Frank Noack

wandelt auf den Spuren von Emil Jannings Wer das Werk des ersten deutschen Weltstars (und Oscar-Preisträgers) Emil Jannings erforschen will, der hat in den nächsten Tagen viel zu tun. Offiziell veranstaltet kein Berliner Programmkino eine Jannings-Retrospektive, dennoch ist er diese Woche im Arsenal und im Filmkunsthaus Babylon mit vier Produktionen aus den Jahren 1924/25 vertreten. Es gibt aus dieser Zeit kaum einen Stummfilmklassiker, an dem er nicht beteiligt gewesen wäre. Zufällig haben in den letzten Monaten zwei Jannings-Jubiläen stattgefunden: Er wurde vor 120 Jahren geboren, und vor 90 Jahren kam er vom Stadttheater Nürnberg nach Berlin, um am Deutschen Theater unter Max Reinhardt zu spielen. Bald rissen sich die besten Regisseure um den Darsteller, den Kritiker mit einem „saftigen Steak“ verglichen und als „menschgewordenen Rülpser“ bezeichnet haben. In dem Prototyp aller Zirkusfilme, Ewald André Duponts Eifersuchtsdrama Variété , verkörperte Jannings einen Trapezkünstler, der aus Eifersucht seinen Nebenbuhler umbringt. Er will ihn zunächst mitten im Trapez-Akt fallen lassen, doch seine Berufsehre verbietet ihm das, und er tötet den Mann in der Garderobe. Ganz unabhängig von seiner virtuosen Machart ist Dupont ein wichtiges Zeitdokument gelungen, denn die Zirkusnummern sind im Berliner Wintergarten entstanden (heute im Arsenal).

Eine seltene Gelegenheit, sich als Komiker zu profilieren, erhielt Jannings in Paul Lenis Das Wachsfigurenkabinett , einem Episodenfilm, in dem er als Sultan Harun-al-Raschid kugelrund ausstaffiert wurde und von ebenso runden Dekorationen umgeben war. Die anderen Episoden dieser frühen Horror-Komödie zeigen Conrad Veidt als Iwan den Schrecklichen und Werner Krauss als Jack the Ripper (Freitag im Arsenal). Am häufigsten arbeitete Jannings in jenen Jahren mit Friedrich Wilhelm Murnau, dessen Welterfolg Der letzte Mann allerdings mehr wegen der entfesselten Kamera und der minimal eingesetzten Zwischentitel bemerkenswert ist. Als Hotelportier, der zum Toilettenmann absteigt, musste Jannings einen künstlichen Bart tragen, der ihm kaum Gelegenheit zu naturalistischem Spiel gab (Montag im Arsenal). Dagegen hielt sich Murnau bei der Molière-Adaption Tartüff mit technischen Spielereien zurück und überließ das Feld den grandiosen Schauspielern, die er völlig gegen den Typ besetzte: Der sonst eher tumb-naive Jannings brillierte als Intrigant Tartüff, der vorgibt, die Bibel zu lesen und dabei auf schöne Frauenkörper schielt, und der für seine dämonischen Rollen gefeierte Werner Krauss überzeugte als gutmütiger Orgon, der Tartüff für einen Freund hält, während der seiner Ehefrau nachstellt (Sonntag im Filmkunsthaus Babylon).

In diesem Zusammenhang sei vorab auf den 18. Dezember hingewiesen: An diesem Tag präsentiert das Zeughaus-Kino Wenn vier dasselbe tun (1917), den ersten Film, den Jannings unter der Regie von Ernst Lubitsch gedreht hat. Sieben weitere sollten folgen. Es wären sicherlich noch mehr geworden, wären beide nicht zu Beginn der Tonfilmzeit getrennte Wege gegangen. Lubitsch blieb in Hollywood, Jannings kehrte nach Deutschland zurück.

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