Kultur : "Artistenmetaphysik": Die Legende von Zara und Tustra

Kerstin Decker

Nietzsche war gar kein Philosoph. Nietzsche hatte null philosophische Begabung. Unser neuer Kulturstaatsminister hat das gesagt. Unter philosophischer Begabung begreife er, der neue Kulturstaatsminister und Philosophieprofessor, das "Bemühen um gedankliche Klarheit und argumentative Sorgfalt". Wären also Steuerberater und Buchhalter die Berufsgruppen mit der natürlichsten philosophischen Ausstrahlung?

Es ist wichtig für ein Land, dass es seinen künftigen Kulturminister versteht. Für die Kultur auch. Am besten versteht man Julian Nida-Rümelin vielleicht in der Berliner Ausstellung "Artistenmetaphysik. Friedrich Nietzsche in der Kunst der Nachmoderne."

Friedrich Nietzsche bildete Sätze wie: "Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen." Würde so kein Steuerberater sagen. Aber die Ausstellung hat den Satz hinten auf ihren Katalog gedruckt. Ein exemplarischer Fall von fehlender gedanklicher Klarheit? Denn wer kümmert sich um die Wahrheit? Die Philosophie, immer schon. Die Kunst aber kümmert sich um Bilder. Als bildende Kunst. Außerdem: Nietzsche schrieb den Satz 1888. Ein Jahr später ging er trotzdem zugrunde, geistig. Das ist nicht seriös.

Gleich vorn an der Eingangstür im Haus am Waldsee hängt ein großer bunter Kasten mit kleineren Kästen darin, Schildern ("Entrée des Artistes"), Zeitungsbildern und einem Kaktus. Ein Mittelding zwischen Pinnwand und Soldatenspind. "Portrait de Nietzsche" steht daneben und "Klangskulptur". Denn Musik macht der Kasten auch. Man darf sogar Zettel aus dem Kästchen nehmen und andere reintun. Die französische Ausgabe von "Jenseits von Gut und Böse" ist in die Mitte genagelt. Mit Blut am Nagel. "Der Gekreuzigte" unterschrieb Nietzsche seine letzten Briefe. Spaß? Ernst? "Ein buntes Porträt von allem, was je gewusst wurde", nannte Nietzsche das fragwürdige Ergebnis des Tagewerks eines Philosophen. Denn muss man dem Ernst den Ernst denn ansehen? Keinesfalls, dachte auch Jean-Jacques Lebel 1961 und machte dieses liederliche Weltkästchen dazu. Argumentative Sorgfalt? Gedankliche Klarheit? Ach was. Der Kanon sind wir. Lebel fand das erste Nietzsche-Buch seines Lebens auf dem Nachttisch von Marcel Duchamp. Nietzsche und Max Stirner, das sind die beiden einzigen Autoren, bei denen ich nicht einschlafe, erklärte ihm Duchamp.

Nietzsche und Duchamp - geht das wirklich? War Nietzsche schon ein Postmoderner? Die Franzosen haben Nietzsche zuerst freigemacht von jenem verhängnisvollen Wegbereiter-des-Faschismus-Verdacht, der jeden Blick auf ihn verstellte. Auch noch den Blick von Beuys ("Sonnenfinstrenis und Corona", 1978). Er brachte Nietzsche, den erklärten Anti-Antisemiten in Analogie zum 9. November 1938. Von der Wand gegenüber schaut der Philosoph vorbei am Lebel-Guckkasten und von Beuys nichts wissend hinaus aus dem Fenster. Es ist nichts Auffälliges an seiner Fotografie. Aber wo andere vielleicht eine Rose am Revers tragen, trägt dieser Nietzsche das Auge Kants. (Rosemarie Trockel, 1992) Kant, die lebenslange Provokation, die alte Sonne Königsbergs.

Moderne Kunst glaubt nicht mehr an das Sichtbare. Sie legt Spuren aus ins Unsichtbare und von dort zurück. Sie baut Brücken zwischen dem Denkbaren und dem Sichtbaren. Genau wie Nietzsche, bloß von der anderen Seite. Ein berückender Kreislauf kann das werden, doch sein Gelingen hängt ab von der Geräumigkeit der entstehenden Weltinnenräume. Nietzsche und das Auge Kants, das ist ein denkbar größter, denkbar tiefster Raum. Aber die Abenteuer "Zaras" und "Tustras" auf Katharina Karrenbergs Transparentpapier auch? "Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, was der Rausch für mich sein könnte", bekennt die Künstlerin. Erst der Rausch, dann das Denken, hätte Nietzsche das wohl umgekehrt. Denn Denken von wirklichem Interesse, wusste er, fängt nicht mit dem Denken an. Es ist ein Denken-Müssen. Genau wie es das Malen-Müssen gibt. Nein, man sieht nicht mehr einfach Bilder in "der Kunst der Nachmoderne", sondern gleich ganze, höchst subjektive Weltbilder. Das macht sie, in ihrer Angewiesenheit auf unsere Reflexivität, zugleich verwundbar, potentiell schwach.

Es gibt auch kleinere, ungefährdetere Weltinnenräume. Nietzsche im Glas, mitsamt Engadin und Zarathustra (Tyyne Claudia Pollmann) oder Nietzsche als Memory mit Spiel-Karten wie: "Zu Bett Heftigster Anfall Ich verachte das Leben. FN" Oder die Videoinstallation: "F. Nietzsche verlangt von A. Hitler seinen Spazierstock zurück." Möglich ist auch Nietzsche im Weltbild Mike Tysons, dargereicht als Triptychon (Lutz Dammbeck). Mike Tyson fand Nietzsche "pretty cool" und gar nicht so philosophisch unbegabt, woran man erkennt, dass Boxer Philosophen oft tiefer verstehen als andere Philosophen. Nur, welcher Philosoph versteht überhaupt einen anderen Philosophen? Das zweite Triptychon bildet vielleicht die geheime Mitte dieser Nietzsche-Vergegenwärtigungen: Links (wo das Versprechen war) ist Erich Mielke, in der Mitte (wo Gott war) Nietzsches Felsen am See von Silva-Plana - Natur!, rechts (wo die Erlösung war) die Lottotrommel.

Die Ausstellung von Barbara Straka und Gudrun Gorka-Reims bricht Weltsplitter aus dem Denken Nietzsches, setzt sie neu zusammen und macht auf sie die Gegenwarts-Probe. Manchmal beginnen sie zu leuchten.

"Artistenmetaphysik." - Humbug, würde unser neuer Kulturstaatsminister wohl sagen. Aber wer weiß mehr vom Menschen - die Kunst oder die Wissenschaft? Die Kunst natürlich, bekannte Nietzsche. Nur, was die Welt nicht mehr enthält, fügt sich der "konsequenten" fehlerfreien Methode und ihren übersichtlichen Scheidungen. Darum waren die obersten Wahrheiten seit je die ärmsten. Darum ist der Philosophenhimmel wahrscheinlich leer. Die Kunst ahnt das seit je. Denn sie kann die Erde nicht verlassen. Nietzsche wollte zu ihr zurück. Was ist Philosophie? Oberste, leerste Begründungswissenschaft oder soll sie die eigensinnigen Weltfäden der Universen Wissenschaft, Alltag und Kunst wieder zusammenspinnen? Dann müsste sie wieder schwerer werden. Ungefähr so schwer wie Nietzsches "Artistenmetaphysik".

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