Artothek : Ein Warhol für drei Euro

Der Neue Berliner Kunstverein setzt alles auf Anfang und wirbt besonders für seine Artothek - mit 4000 Werken zum Ausleihen.

Nicola Kuhn

Kann das Zufall sein? Tatsächlich hat sich der Neue Berliner Kunstverein in jene graue Diskurshöhle verwandelt, die Skeptiker vom neuen Direktor befürchtet haben. Grau die Decken, grau die Wände, grau der Boden und dazu ein Displaysystem aus Plexiglas, das Rauchglas imitiert. Man möchte nach Sommerfarben rufen – tja, wäre das nicht alles extrem gut präsentiert.

Berlins ältester Kunstverein – gegründet 1969 im Westteil der Stadt – hat einen Relaunch erfahren, der ihm als Kontrapunkt in der Hipstergegend Mitte ausgesprochen steht. Zwischenwände und Heizungsrohre wurden entfernt, Leitungen unter Putz gelegt. Plötzlich ist dem Ausstellungsraum der Muff des Ladenlokals ausgetrieben, den man bei den bisherigen Ausstellungen immer noch empfunden hat. Stattdessen kommt die Industriearchitektur der zwanziger Jahre zur Geltung; eine ungeahnte Großzügigkeit macht sich breit: mit Blick nach hinten auf einen Hofgarten.

In der Chausseestraße ist alles auf Neuanfang gestellt: vom Design der dezent grauen Einladungskarten bis zum künftigen Programm. Gleichzeitig soll die erste Ausstellung unter der neuen Leitung von Marius Babias zur Geltung bringen, was den NBK schon immer ausgezeichnet hat. Als einziger Kunstverein Deutschlands besitzt er eine eigene Artothek und Videosammlung: Kunst zum Ausleihen, für einen Spottpreis. Zwar ist der „Lenin“ von Andy Warhol, den man für 3 Euro ein halbes Jahr lang mieten kann, mal wieder ausgeliehen, aber die Auswahl ist groß. 4000 Werke besitzt die Artothek, 10 000 Ausleihen waren es im vergangenen Jahr.

Um Artothek und Videosammlung in eine neue Erscheinungsform zu bringen, hat der Verein die Frankfurter Künstlerin Silke Wagner eingeladen, ein neues Präsentationsystem für die Sammlungen zu entwickeln – das Ergebnis prägt nun die erste von Babias verantwortete Ausstellung. The medium is the message, gilt auch hier.

„Roland“ und „Ellen“ heißen die beiden Displays von Silke Wagner in bester Ikea-Manier. Geschickt spielt die Künstlerin mit der Erwartung des Besuchers, der sich fragt: Sind es Möbel, sind es Skulpturen? Oder macht die Künstlerin nur Interior Design? „Roland“ ist ein Stecksystem aus ein Meter großen Tischlerplatten, wie man es von Charles Eames’ berühmtem Kartenspiel kennt. Auf „Roland“ werden im ersten Stock der Chausseestraße fortan die Bestände der Artothek eher unorthodox vorgeführt – mal gestapelt, mal aneinander gelehnt. Der Besucher wird zum Grabbeln animiert und stößt auf Trouvaillen von Sol LeWitt, Giorgio de Chirico oder Claes Oldenburg, und er entdeckt alte Bekannte wieder wie die Berliner Malerin Margarethe Dreher.

Marius Babias hat sich die Öffnung seines Hauses auf die Fahnen geschrieben, eine Neubestimmung als „Bildungsinstitution“. Im Zeitalter der Globalisierung, der immer hektischeren Merkantilisierung will er einen „autonomen Ort“ schaffen, an dem Kunst weder Markt noch Lifestyle dient, sondern Teilhabe verspricht. Von diesen Idealvorstellungen ist auch die Präsentation der Videosammlung in den eigentlichen Ausstellungsräumen bestimmt. 1972, zwei Jahre nach dem Start der Artothek, wurde das Video-Forum gegründet, das heute über tausend Videos zählt, darunter Werke von Vito Acconci, John Baldessari, Valie Export, Joan Jonas und Wolf Vostell. Für Silke Wagners diesmal aus Plexiglas gefertigtes Stecksystem namens „Ellen“ wurden zwölf Beispiele ausgewählt. Darunter befindet sich auch eine Videoarbeit der Künstlerin selbst, die sieben Studenten beim gelangweilten Hören eines Radioberichts über die Uniproteste von 1968 zeigt.

’68 ist auch die Erkennungsmelodie dieser NBK-Premiere: Silke Wagner, selbst Jahrgang 1968, steht mit ihrer Ausstellung für eine Repolitisierung des Kunstvereins. Die Künstlerin hat sich bereits einen Namen damit gemacht, dass sie Foren für die Proteste anderer schafft. Bekannt wurde sie 2007 mit ihrem Beitrag für die „Skulpturen Projekte Münster“, bei dem sie ein Denkmal für Paul Wulf in die Fußgängerzone platzierte. Als angeblich „Schwachsinniger“ von den Nationalsozialisten zwangssterilisiert, hatte er sich nach dem Krieg vergeblich um Rehabilitierung bemüht. Teil des Denkmals war eine Litfaßsäule mit Dokumenten zum Schicksal von Paul Wulf, die beliebig erweitert werden konnte mit Informationen über anderes Unrecht in der Stadt.

Ein ähnliches Engagement legt Wagner nun auch in Berlin an den Tag, nur sind die Ausdrucksmittel andere. Das gediegene Grau der Ausstellungsräume wird nicht nur vom Bildschirmflackern der vornehmlich aus den Sechzigern und Siebzigern stammenden Videos erhellt, sondern auch von Neonpiktogrammen. Wagner hat zehn Protestsignets in Lichtspender verwandelt: die Taube mit der geballten Faust vom allerersten Ostermarsch 1960, Feder und Fabrikdach als Symbol der sich 1968 zum Generalstreik vereinenden Studenten- und Arbeiterschaft in Frankreich oder die untergehakten Arme als Solidaritätszeichen in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung 1970.

All das kommt als Agitprop in Edeldesign daher. Doch wäre schon viel gewonnen, wenn weniger die Preise, sondern mehr die Inhalte zum Nachdenken über Kunst und Gesellschaft animierten. Mit ihren Neonarbeiten hat Silke Wagner dem Kunstverein ein erstes Licht aufgesteckt. Bei den folgenden Ausstellungen soll der NBK-Galerieraum übrigens wieder weiß gestrichen erscheinen.

NBK, Chausseestr. 128/129, bis 17. 8., Di – So 12 – 18 Uhr, Do bis 20 Uhr. Heute um 19 Uhr Eröffnung, ab 21 Uhr Sommerfest. Infos: www.nbk.org.

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