• Arzneimittel unter Verdacht: Der Grapefruitsaft-Effekt: Wechselwirkungen von Medikamenten werden teilweise bewusst herbeigeführt - mit unterschiedlichen Folgen

Kultur : Arzneimittel unter Verdacht: Der Grapefruitsaft-Effekt: Wechselwirkungen von Medikamenten werden teilweise bewusst herbeigeführt - mit unterschiedlichen Folgen

Bas Kast

Pharmakologen sprechen vom "Grapefruitsaft-Effekt". Vor einigen Jahren kamen sie auf die Idee, ihren Versuchspersonen die zu testenden Medikamente nicht bloß mit Wasser, sondern mit Grapefruitsaft zu reichen; das Aroma der Pampelmuse sollte den unangenehmen Geschmack der Medikamente überdecken. Das erstaunliche Resultat: Der Saft sorgte dafür, dass der Körper höhere Konzentrationen der Medikamente aufnahm. Der Grund: Grapefruitsaft hemmt ein Enzym im Dünndarm, das normalerweise einen Teil der Substanzen abbaut, noch bevor diese vom Blutkreislauf aufgenommen werden.

Bereits "harmlose" Lebensmittel können einen messbaren Einfluss auf das Schicksal von Medikamenten haben, die wir zu uns nehmen. Alkohol aber - der mit einer ganzen Palette von Medikamenten nachweisbar wechselwirkt - ist schon ein weniger harmloses Beispiel. Auch das Cerivastatin, der Wirkstoff des Präparates Baycol, würde höchstwahrscheinlich schon mit Grapefruitsaft wechselwirken; bei einem verwandten Statin (Lovastatin) wurde der Effekt schon nachgewiesen. Die Folge wäre eine erhöhte Aufnahme der Statine, was zum buchstäblichen Muskelzusammenbruch führen könnte.

Aspirin mit Koffein

Wechselwirkungen sind wirksam: Die verschiedenen Substanzen potenzieren oft ihre Wirkung. Nicht selten wird der Effekt von Pharmakologen gezielt herbeigeführt. Aspirin wird gern mit Koffein kombiniert: der schmerzlindernde Effekt steigt ("Aspirin Forte"). Koffein hemmt Substanzen in Teilen des Zentralnervensystems, die an unserer Schmerzwahrnehmung beteiligt sind. Einige Ärzte allerdings sehen bereits in diesen "kontrollierten" Mischungen eine Gefahr. Das Koffein in den Schmerzmitteln etwa fördere die Abhängigkeit.

Eine größere Gefahr liegt in der gleichzeitigen Einnahme mehrerer Medikamente. Am meisten davon betroffen sind ältere Menschen, die oft auf verschiedene Medikamente schlicht angewiesen sind. Besonders problematisch wird es, wenn der Patient verschweigt, welche Medikamente er bereits bekommt. Oder wenn der Arzt versäumt, mögliche Wechselwirkungen zu berücksichtigen. Erschwerend hinzu kommt, dass von den rund 45 000 Medikamenten, die es auf dem deutschen Markt gibt, nur etwa 25 000 geprüft und zugelassen sind; damit nicht genug, weisen zwanzig Prozent der gängigen Präparate mangelnde Wirksamkeit oder zu hohe Risiken auf, so das neue "Handbuch Medikamente" der Stiftung Warentest.

Amerikanische Studien haben gezeigt, dass nahezu zwanzig Prozent der Menschen in Pflegeheimen Medikamentenkombinationen mit Wechselwirkungen bekommen, die schädlich sind. Über zwanzig Prozent der unerwünschten Nebenwirkungen bei Krankenhausbehandlungen stammen von Wechselwirkungen verschiedener Präparate. "Ganz klar, Wechselwirkungen sind ein Gesundheitsrisiko für Patienten", so das Fazit des Pharmakologen Charles Brown von der Purdue Universität im US-Staat Indiana. "Und eine medizinische Herausforderung für Pharmakologen und Ärzte."

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