Kultur : "As I Was Moving...": Im Angesicht der Schönheit

Silvia Hallensleben

Ein Film mit dem Titel "As I Was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty" kann eigentlich nicht schlecht sein. Erstmal ist er einfach nur schön anzusehen. Blüten im Streiflicht, Spaziergang in Herbstwäldern, Schnee in Soho, Katzen, Freunde, Essen, Taufen, der Ausguck aus dem Loft-Fenster auf Wasserspeicher. Und immer wieder der verliebte Blick auf Ehefrau Hollys und die Kinder von der Geburt bis zum Schulalter. Flüchtige Lebens-Blitze.

"As I Was Moving..." besteht aus viereinhalb Stunden solcher Home-Movie-Schnipsel, gedreht mit einer 16mm-Bolex. Drei Jahrzehnte, von 1970 bis beinahe in die Gegenwart, zusammenmontiert vom Filmemacher, Kritiker, Programmierer und Filmsammler Jonas Mekas. Mekas - 1922 in Litauen geboren, 1950 in deutschen Arbeitslagern interniert, und heute einer der Althelden des amerikanischen Underground-Kinos - hat seinen Film in zwölf Kapitel eingeteilt. Diese sind verbunden durch Zwischentitel und eine gelegentlich ordnend eingreifende, zwischen Sentimentalität und Koketterie schwankende Ansprache vom nächtlichen Schneidetisch, die wie ein langes strophisches Poem diesen Film durchzieht. Auch wenn das Material nicht chronologisch organisiert ist, meint man doch eine spiralige Fortbewegung zu finden. Auf einer anderen Ebene ist der Film nach Stimmungen und Jahreszeiten organisiert, denn er ist auch eine Liebeserklärung an die sommerlichen Ekstasen und winterlichen Schneestürme der Stadt.





Natürlich stellen sich Fragen. Warum etwa sieht man sich solche privaten Exzesse hier stundenlang mit Vergnügen an, während einen die Urlaubsfilme von Freunden schon nach Minuten nerven? Die Antwort muss im Bereich künstlerischen Vermögens liegen und hat viel mit Kamerahaltung, Rhythmus und Licht zu tun - aber auch mit dem Suchtverhalten, den soviel Glücksglitzern bei uns auslöst.

Die zweite Frage schließt hier an. Sie betrifft das Verhältnis von Lebenswirklichkeit und Kunst. Manchen nämlich ist dieser Film einfach zu schön. So viel Glück kann nicht sein. Da muss man sich nur mal das eigene Leben ansehen. Wo ist das heulende Elend, wo die Ehekrisen? Und was ist mit dem Rest der Welt? Vietnam, Armut, Rassenhass: Fast nichts davon ist in diesen 288 Minuten zu sehen. Wie um solchen Einwänden vorzugreifen, hat Mekas immer wieder einen Zwischentitel eingeblendet, der ein erstmal absurd erscheindendes Statement verkündet: "This is a political film." Doch er hat recht. Man muss sich nur von dem üblichen Abbild-Diktat lösen. Es geht hier ums Suchen, nicht ums Behaupten. Das Sammeln. Dem gelegentlichen Aufblitzen von Schönheit auf der Spur. Fragmente des Paradiesischen, wobei die Hölle als Gegenbild immer mitläuft.

Ja, "As I Was Moving..." ist genau das: der Versuch eines Menschen, der Grauheit der Welt die raren Augenblicke von Schönheit zu entringen, auf die es ankommt. In achtzig Lebensjahren kommt da so einiges zusammen. Und es geht auch um das Festhalten. Denn hinter soviel Behauptung des Gegenwärtigen steht gegen Ende immer stärker auch etwas anderes: die Besessenheit durch das Nichts. Er sei, sagt Mekas einmal, nur ein Romantiker, kein Filmemacher. Für Gleichgesinnte ist dieser wunderbare Film gemacht.

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