Kultur : Ascheregen bringt Segen

Jahresend-Entertainer: ein kabarettistischer Rückblick auf 2010 im Mehringhoftheater und „Der Schlagerexorzist“ im Schlossparktheater

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Rocktherapie. Franziska Troegner, Claudia Renner und Ulla Meinecke. Foto: Drama
Rocktherapie. Franziska Troegner, Claudia Renner und Ulla Meinecke. Foto: DramaFoto: imago stock&people

Wir wussten es: Der Schlager ist die Hölle. Und zwar nicht fürs Publikum, sondern für die Sänger selbst. Auch jene, die nicht an Drogen und Depressionen kaputt gehen, werden irgendwann an ihren eigenen, immer gleichen Harmonien und auf maximale Durchhörbarkeit gestrickten Texten irre. Dieses Schicksal erleidet Caro T. im neuen Stück „Der Schlagerexorzist“ von Dietmar Loeffler (Buch und Regie) am Schlossparktheater. Ihr Hit „Liebe unter freiem Himmel“, der eine Banalität an die andere reiht („Ich bin deine Frau, du bist mein Mann“), hat sich verselbstständigt und rast ihr jetzt in Bruchstücken durch den Kopf. Sie kann nicht anders als zu singen, auch beim Arzt.

Katharine Mehrling, die die Caro spielt, ist der Star des Abends. Blonde Perücke, falsche Brüste, Wespentaille, angeknipstes Lächeln, Hochleistungsstimme: Das Abziehbild einer Schlagersängerin – aber mit der richtigen Dosis Selbstironie. Eine Figur, die um ihre Künstlichkeit weiß und sich darin fast mit Dolly Parton messen lassen kann. Mehrlings beste Momente: Wenn sie, von Alpträumen verfolgt, über die Bühne taumelt, die Fetzen ihres Hits stammelt und im simplen harmonischen Grundgerüst die Mechanismen, nach denen Schlager funktioniert, bloßlegt.

Der Plot ist trotzdem arg windig konstruiert: Auf Anraten ihres skrupellosen Managers Dieter-Thomas Spiegel (Dieter Hallervorden in komödiantischer Hochform bei einem Kurzauftritt auf der Leinwand) sucht Caro T. Hilfe bei den Rockerinnen von „The Wild Ones“, die ihr das Schlagervirus austreiben sollen. Ulla Meinecke fällt der Part des gealterten, aber authentische Lebensgefühle röhrenden Schlachtrosses zu. Sie erledigt das launig – und doch wird man das Gefühl nicht los, dass sie hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt. Claudia Renner und Franziska Troegner kommen erst recht nicht gegen die Gesangspower und das glitzernde Plastikgrinsen von Katharine Mehrling an. Warum am Ende alle in einer Show namens „Stars Frontal“ Lieder bekannter Schlagersänger imitieren müssen, wird aus dem Verlauf des Stücks nicht ganz klar.

Das Publikum jubelt trotzdem, denn das Mäntelchen einer Geschichte, das diesem Abend umhängt, dient sowieso nur als Vorwand, um Musik auf die Bühne zu bringen. Und zwar gute Musik. Wenn der „Schlagerexorzist“ jemals als Persiflage geplant war, so hat Loeffler dafür die falschen Schlager ausgewählt. Die wirklich schlimmen Sachen, die sich dazu eignen würden, das Genre komplett lächerlich zu machen, benutzt er gar nicht.

Stattdessen erklingen vor allem die Glanzlichter, legendäre Lieder, die schon längst jenseits aller Diskussion sind: „Meine Art, Liebe zu zeigen“, „Er gehört zu mir“, „Männer“, „Mit 66 Jahren“, „Ich will ’nen Cowboy als Mann“, sogar France Gall und Louis Armstrong, die eigentlich gar nicht hierher gehören. Und auch dabei lässt Mehrling die anderen Darsteller hinter sich, haucht à la Mireille Mathieu ins Mikro „’inter den Kulissen von Paris“. Satire sieht anders aus. Dieser Abend ist in Wahrheit eine Liebeserklärung an den Schlager (wieder vom 16–18. sowie am 30/31. 12.). Udo Badelt

Da wollte die Frau nur mal kurz einer freiberuflichen Tätigkeit nachgehen – und wäre um ein Haar ihren Job losgeworden! Angela Merkel führt in Gestalt von Christoph Jungmann auch in diesem Jahr durch den kabarettistischen Jahresrückblick im Mehringhoftheater. Ausgerechnet Roland Koch unternimmt nach der Pause dann einen Putschversuch – den hatte doch niemand mehr auf der Agenda! Frau Merkel wurde soeben ihres Amtes enthoben, teilt Koch, der wie immer etwas angespannt aussieht. „Sie wird unter Hausarrest in Templin gestellt und darf die Uckermark nicht verlassen.“ Dass die Kanzlerin diesen dramatischen Staatsstreich einfach aussitzt, dafür muss man fast dankbar sein. Denn mit dem säuerlichen Koch, den ebenfalls Jungmann spielt und dem er einen Humor-Koeffizienten im Minusbereich attestiert, sinkt die Stimmung kurzzeitig auf den Tiefpunkt.

Dass sich das Endzeitteam wieder die Topereignisse des auslaufenden Jahres vorknöpft, ist so sicher wie die alljährliche Weihnachtsansprache der Bundeskanzlerin. Bov Bjerg, Horst Evers und Manfred Maurenbrecher, die früher das „Mittwochsfazit“ bestritten, ergänzt von dem Theatersportler Christoph Jungmann und dem Meister der Parodie, Hannes Heesch – die fabulösen fünf liefern messerscharfe Analysen, schrauben sich in absurde Minidramen, singen lustige Coverversionen von bekannten Songs.

Was war das für ein Jahr! 20 Jahre Wiedervereinigung. Lena auf Platz 1. Sarrazin auf Platz 1. Deutschland 4:1 und 4:0! Doch es war auch das Jahr der politischen Rücktritte. Mit dem Beatles-Song „You say goodbye and I say hello“ stößt Merkel Koch, Köhler und von Beust endgültig ins Aus. „Wenn du jetzt gehst, kommt ein anderer“, bringt sie ihr Politikverständnis auf den Punkt. Der Abend reagiert seismografisch auf jede Art von Erschütterung. Und alles hängt mit allem zusammen. Lenas „Satellite“ bekommt einen neuen Text verpasst. Und der handelt davon, dass der Ascheregen des isländischen Vulkans die Flughafengegner in Berlin zu neuen Formen des Widerstand angefeuert hat. Im Prenzlauer Berg werden schon Kinder Eyjafjallajökull genannt, behaupten die Berlinkenner. Sie könnten recht haben.

Wie Facebook sein Leben bereichert hat, schildert Horst Evers in einer großartigen Szene. „Hallo Horst! Mahmud Ahmadinedschad möchte mit dir befreundet sein.“ Wer so eine Nachricht bekommt, drückt doch gleich den Button: als Freund bestätigt. Über die Facebook- Dynamik ist Evers dann nicht so glücklich: Ahmadinedschad schlägt ihm nämlich Kim Jong Il, Silvio Berlusconi, Rainer Brüderle und Thilo Sarrazin als weitere Freunde vor. Und während der Iraner nur seinen Palast verpixeln lassen will wegen Google-Streetview, möchte der Nordkoreaner gleich sein ganzes Land verpixeln lassen.

Bov Bjerg beweist, dass der Bürgerprotest um Stuttgart 21 doch eine Wirkung gezeitigt hat: In Berlin keime nun eine zarte Sympathie für Schwaben. Die aber durch die Radiowerbung für Seitenbacher-Müsli prompt wieder zunichte gemacht wird. „Dann probierscht’s halt!“

Politik wird immer mehr zur Realsatire. Was die Aufgabe des Kabarettisten, den Mächtigen Paroli zu bieten, nicht unbedingt erleichtert. Die Jahresendabrechnung hat bei ihrer Premiere noch nicht die perfekte Balance zwischen hellsichtigem Spott, hinterhältiger Ironie und alberner Parodie. Doch die Wort-, Lied- und Vortragskünstler begeistern wieder durch ihren fröhlichen Sponti-Charme. Sie sind eine Berliner Instanz (wieder vom 16.–22. sowie vom 26. 12. bis 8. 1.; nicht am 3. 1.)! Sandra Luzina

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