Kultur : Ashkenazys Passion

ALBRECHT DÜMLING

"Musik des Nordens" mit dem Deutschen Symphonie-OrchesterVON ALBRECHT DÜMLINGWalzer und Polonaise stammen nicht aus Dänemark, sind aber auch dort beliebt.Bei dem Maskenball, mit dem Carl Nielsen seine Buffo-Oper "Maskerade" beginnen läßt, spielen diese beiden Tanzformen die Hauptrolle.Ihre Rhythmen beherrschen die Ouvertüre, die Vladimir Ashkenazy und das Deutsche Symphonie-Orchester mit prickelndem Elan aufs Philharmonie-Parkett legten.Nach diesem hellwachen Konzertbeginn senkte sich in Nielsens "Saga-dr²m" nordischer Nebel über den Saal.Die dunkelgetönten Traumbilder, inspiriert durch eine alte isländische Sage und aus in sich kreisenden Formeln zusammengestückelt, wirkten eher verschlafen.Was die 1971 entstandene Symphonie Nr.3 von Arvo Pärt betrifft, so suchte sie ihren eigenen Ton nicht in der heidnischen Sagenwelt, sondern in den mittelalterlichen Ritualen der katholischen Kirche.Leider zeigte Ashkenazy hier wenig Sinn für die an Strawinsky erinnernde Montagetechnik, mit der Pärt Formeln der Musik des 15.Jahrhunderts gegeneinanderstellt.Die Leidenschaftlichkeit, die der Dirigent der Symphonie einhauchte, widersprach ihrer sachlichen Struktur und ihrem Charakter.Die zweite Symphonie D-Dur op.43 von Jean Sibelius, sein populärstes Werk, entwickelt aus seiner frühen Orientierung an Liszt und Tschaikowsky bereits machtvoll eigene Formideen.Wie schon bei Pärt fand Ashkenazy zu diesen modernen Elementen einer statischen Reihungsstruktur aber nur teilweise Zugang.In den Ecksätzen schien seine Interpretation eher von der Durchbruchsidee von "Les Préludes" oder der "Pathétique" auszugehen.Schon der Kopfsatz zielte auf die trillergeschwängerte Steigerung, die sich im Finale dann zum molto patetico-Schwall auswucherte.Dabei war der Dirigent derart von Leidenschaft überwältigt, daß er von seinem Podest stürzte.Dies führte zwar zu keiner Unterbrechung, war aber doch ein Indiz für die fehlende Balance der Kräfte.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben