Kultur : Asian Fine Arts: Kopflose Riesen

Michaela Nolte

Acht überlebensgroße Kleider haben sich im Entree der Galerie Asian Fine Arts zur Wache formiert. Im hermetischen Halbrund markieren diese kopflosen Riesen die Grenze zwischen Innen und Außen. Gebieten Einhalt und ziehen zugleich mit einem unsichtbaren Sog an. Das menschliche Antlitz ist von Duschköpfen ersetzt, aus denen Wasser in eruptiven Schüben durch die fahlen Stoffe rinnt und ihnen eine gespenstische Körperlichkeit verleiht. Fast bedrohlich wirken sie mit ihrer schmutzverkrusteten Haut. Die diaphane Stofflichkeit lässt sie dennoch fragil und schutzbedürftig erscheinen. Man weiß nicht, ob man den Wasserhahn zudrehen sollte, um die ewig durchnässende Tortur zu beenden, oder ihn erst recht aufdrehen und die Scheinriesen von den Dreckpartikeln befreien möchte.

"Under the Skin" (60 000 Mark) hat Chiharu Shiota ihren eigenwilligen Wasserfall genannt, der sich jedweder harmonisch plätschernden Assoziation verschließt. Selbst ohne die Information, dass der Besuch in einem Konzentrationslager die Künstlerin zu dieser Arbeit anregte, nehmen die Wesen in ihrer ebenso faszinierenden wie schroffen Ambivalenz gefangen. Die 1972 in Osaka geborene Künstlerin verwebt und verknüpft "arme" Materialien mit Alltagsgegenständen zu raumgreifenden Installationen. Der sprichwörtliche Faden zieht sich durch ihre Environments ebenso wie er als Gespinst die Performance-Künstlerin Shiota verpuppt - sie abschirmt gegen den flüchtigen, voyeuristischen Blick.

Erde, Feuer und Wasser tauchen als Werkstoffe immer wieder auf, und in einer neuen Arbeit der Serie "Gewebte Strukturen" schwingt die Luft als viertes Element mit. In einem riesigen Quader gestaltet Shiota den freien Fall - wiederum eines Kleides - mit einem einzigen Faden, dessen Gewebe durch unzählige Verschlingungen Halt und Stabilität bietet, doch im leichten Dahintreiben die Schwerkraft gleichsam zu überwinden sucht. Die horizontal schwebende "Zweite Haut" (50 000 Mark) erscheint hier voluminös und von kraftvoller Körperlichkeit. Die Arbeiten leben von eben dieser Spannung: vom fragilen Einsatz symbolhafter, schwerer Materialien sowie von der Grenzwanderung zwischen archaischer Introspektion und expressiver Poesie.

Nach dem Studium in Kyoto übersiedelte die Künstlerin 1996 nach Hamburg, studierte anschließend bei Marina Abramovic in Braunschweig und an der Berliner Hochschule der Künste bei Rebecca Horn. Wenngleich hin und wieder Anklänge insbesondere an Abramovic aufblitzen, scheint die Japanerin ihren Wurzeln treu und an die "Gutai-Gruppe" anzuknüpfen, die Mitte der fünfziger Jahre in Japan die Aktionskunst begründete und natürliche Stoffe wie Erde als künstlerisches Mittel ins Zentrum rückte. Shiota überführt diese Lebendigkeit des Materials in eine eigene, zuweilen biographisch gefärbte Sprache und Räumlichkeit, deren Konnotationen jedoch stets über den selbstreferenziellen Aspekt hinausweisen. Rimbauds "Ich ist ein anderer" muss für Shiota mindestens durch Fernando Pessoas "Ich bin drei andere" erweitert werden.

Die Zerrissenheit von Welt, asiatischer wie abendländischer, spiegelt sich in ihrem Werk facettenreich wider. Allein den kleinen Kuben der Serie "Memories of Skin" (je 12 000 Mark) fehlt die wirkliche Reibung, die Shiota in der großen Dimension so überzeugend entfaltet. Vielleicht liegt es am künstlichen Latex, aus dem die amorphen Formen gestaltet sind, dass ihr Fadengewirr in die Irre führt und sie wie eine Konzession an den Käufer anmuten.

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