Kultur : Asphaltfantasien

Farben des Himmels und der Straße: William Eggleston bei Camera Work

Christina Tilmann

Die Szene ist mehr als gewöhnlich: ein Telefon steht auf dem Boden, Kabel hängen aus der Wand, ein Staubsaugerschlauch ragt ins Bild, dazu ein schmuddeliger Teppich und eine leere Streichholzschachtel. Umzugsmüll, übrig geblieben nach Auszug oder Einzug, Reste der Zivilisation, Tristesse pur. Aber die Farben! Elfenbeinfarben, kostbar leuchten Telefongehäuse und Wand, edel-dunkel schimmert der Boden, altrosa der Teppich. Es liegt eine Magie, eine Melancholie in dem Arrangement, das der Zufall geschaffen und der Künstler gesehen hat.

Es ist die große Fähigkeit von William Eggleston, in der Banalität die Schönheit zu entdecken, das Kunstvolle in der Ansammlung von rostigen Blechdosen, Sandhaufen, verrotteten Couchgarnituren, Plakatwänden und Klohäuschen. Er kann ein rosa Waschbecken am Straßenrand fotografieren, und der Schatten der Armaturen malt sein eigenes Bild. Einen Sessel im Sand, beiger Samt in hellem Sand, dazu ein aufgesprungener Koffer, lila Futter, lila der Pullover darin. Und noch einmal Lila, Kakteen in der Wüste. Das Hellblau eines Zigarettenautomaten, vor hellblauer Wand. Rosa, Lila, Himmelblau!

Lange her, dass diese Farbfotografien, entstanden zu Zeiten, als Schwarz-Weiß noch der gültige Kunstkanon war, allseits geschmäht wurden als „ordinär“ – so der berühmte Fotograf der Vorgängergeneration, Walker Evans –, als journalistisch, plakativ, bestenfalls Pop-Art. Heute sind es gerade die Farben, die Egglestons Bildern ihre Magie verleihen, sie weit hinausheben über ihre banalen Motive, über all diese Glühbirnen, Autos, Straßenschilder oder auch nur Abfallhaufen, Sperrmüllecken, Abstellkammern. Die Dye-Transfer-Technik machte es möglich, mit ihren fast unnatürlich leuchtenden, manipulierten Tönen, ihrer ganz eigenen Materialität: Da weitet sich der endlose südliche Himmel strahlend blau über einen Parkplatz, weiße Wolkenstreifen, wie mit dem Pinsel hingewischt, und am Horizont, wie auf einem niederländischen Gemälde, steht ein weißes Haus, fährt ein blaues Auto. Stromdrähte, Straßenmarkierungen rhythmisieren das Bild, ein einzelner Baum steht da wie ein Ausrufezeichen.

Wärme, Weite, Freiheit scheint aus diesen Fotografien aus der Mitte Amerikas zu sprechen, der Geist des Road Movies der 70er Jahre, ruhig auch etwas Rausch und Entgrenzung. Nicht umsonst ist Eggleston, geboren 1937 in Memphis, Tennessee, gemeinsam mit Dennis Hopper und dem Kurator Walter Hopps ab 1966 acht Jahre lang quer durch Amerika gefahren, durch die endlosen Weiten von Memphis, Mississippi, Arizona, und auf seinen Bildern sind manchmal Weggenossen zu sehen, Mitreisende ins Herz des Südens. Die Frau mit Tochter im Auto zum Beispiel, eine Komposition in Rot und Braun, und der Schatten des Fotografen fällt ins Bild. Ein Schnappschuss wahrscheinlich, ein kurzer Halt, sie blickt halb skeptisch, halb überrascht, und doch bleibt die Szene auf immer im Kopf, Filmstill eines nie gedrehten Films.

Überhaupt Autos, Protagonisten in so vielen Eggleston-Bildern, diese wunderbar luxuriösen Siebzigerjahre-Cadillacs und Chevrolets mit weißem Dach und ausladend geschwungenem Kotflügel, Ikonen eines Landes, das auf der Straße lebt. Wie träge Tiere gleiten sie über die Straßen, und Eggleston fotografiert im Vorüberfahren, ein Blick vom Beifahrersitz. Einmal beugt sich eine Frau in den Wagen, man sieht die offene Tür und sie von hinten, ein kurzer Stopp. Noch in einem jüngeren Foto aus Hollywood („Topiary Trees“) spiegeln die geparkten Autos, dunkelrot und blassblau, das Grün der Bäume, und darüber leuchtet der Himmel: klare, ungebrochene Farben, zusammen- und nebeneinander gestellt wie auf einer Farbpalette.

Eine Auswahl aus dem Werk zeigt nun die Galerie Camera Work in Berlin. Zwei Portfolios der 70er Jahre, dazu das legendäre und inzwischen wieder aufgelegte Katalogbuch „William Eggleston’s Guide“ zur ersten großen MoMA-Ausstellung von 1976, damals die „meistgehasste Ausstellung des Jahres“, wie die New York Times polemisch schrieb, von heute aus gesehen Egglestons Eintritt in den Olymp der Kunst. Die Präsentation bei Camera Work kennt solche Grabenkämpfe nicht mehr: Spätestens seit der großen Wanderausstellung mit einer Auswahl aus dem legendären, über 2000 Fotografien umfassenden und lange Jahre in Vergessenheit geratenen Bildarchiv „Los Alamos“ von 2003 ist Eggleston eine der gefeierten Galionsfiguren amerikanischer Fotografie, neben Künstlern wie Stephen Shore und Robert Frank. Als „Erfinder der Farbfotografie“ rühmen ihn heute die Lexika, Kritiker feierten ihn als „Hitchcock der Fotografie“, zitierten Raymond Carver, Don DeLillo, David Lynch und Wim Wenders. Und eigentlich ist es doch so, dass diese alle die Zitierenden und Eggleston das Original ist.

Eine Liebhaberausstellung mehr als eine Verkaufsausstellung ist denn auch bei Camera Work zu besichtigen: die Fotografien stammen aus eigenen Beständen, verkäuflich sind sie nur im Ausnahmefall. Denn schwer genug ist es inzwischen, einen Eggleston auf dem freien Markt zu finden: Seine Fotos, etwa das Dreirad „Memphis“, Covermotiv des MoMA-Katalogs von 1976, gehen inzwischen für sechsstellige Dollarbeträge über den Tisch. Und „Greenwood“ von 1973, das Starstück der Berliner Ausstellung, eine simple Glühbirne an leuchtend roter, blutroter Zimmerdecke, gibt man bei Camera Work garantiert nicht mehr her. Der Mann, dem das Haus in Greenwood gehörte, ein Freund Egglestons, wurde wenig später ermordet. Das Haus brannte ab.

Galerie Camera Work, Kantstraße 149, bis 25. Februar; Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

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