Kultur : Assia Djebar im Gespräch: Mein Thema ist die Hoffnung, nicht der Tod

Frau Djebar[eine neue Karriere zu],sind Sie dabei[eine neue Karriere zu]

Assia Djebar, geboren 1936 in der Hafenstadt Cherchell, brachte schon mit ihrem ersten Roman als 21-Jährige die Traditionalisten in Algerien gegen sich auf, was sich seitdem nicht geändert hat. sorgte schon als 21-Jährige mit ihrem Roman "Der Durst" für Aufsehen, mit dem sie die TraditiBildlegende: Die algerische Historikerin, Romanautorin und Filmemacherin Assia Djebar wird am... Seit 1980 lebt sie hauptsächlich in Paris, unterrichtet aber auch an der Louisiana State University französische Literatur.

Frau Djebar, sind Sie dabei, eine neue Karriere zu beginnen - als Dramatikerin?

Ganz so neu ist das Theater für mich nicht. Mein erster Mann war Schauspieler, und wir haben gemeinsam viel café-théâtre gemacht. Ich war das Mädchen für alles, habe Stücke übersetzt, adaptiert und Regie geführt. Als ich 1974 nach Algerien zurückging, konnte ich an der Universität nicht mehr Geschichte unterrichten, wie zuvor ich es vorher getan hatte. Stattdessen leitete ich einen Kurs, der hochgestochen "Semiologie des Theaters und des Films" hieß, der aber faktisch darin bestand, dass wir die Dramaturgie von Theaterstücken und Filmen studierten.

Warum konnten Sie nicht weiter Geschichte unterrichten? Sie waren die erste algerische Frau, die an der École Normale Supérieure studiert hatte. Sie waren die erste algerische Historikerin. Sie hatten also die besten Voraussetzungen für eine glänzende Karriere in Ihrer Heimat.

Die drei Jahre nach der Unabhängigkeit, 1962 bis 1965, waren glückliche Jahre für mich. Die Universität war weltoffen, wir konnten uns nachts ungehindert in der Stadt bewegen, wir haben das Leben genossen. Aber schon 1963 wurde der erste Riegel vorgeschoben. Ich erinnere mich an die Sitzung einer Kommission unter dem Vorsitz des Erziehungsministers, in der es um die Geschichtsbücher ging. Man beschloss, künftig zwei Versionen herzustellen, eine französische und eine arabische, die sich nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich unterscheiden sollten. Ich habe mich gemeldet und habe gegen die Verbreitung von zwei verschiedenen Wahrheiten protestiert. Da die Herren keine Gegenargumente hatten, wurde mein Einwand mit Schweigen übergangen. Daraufhin habe ich gesagt: "Herr Minister, wenn meine Meinung so wenig zählt, habe ich hier nichts mehr verloren." Und bin gegangen. Ich habe dann noch zwei Jahre weiterunterrichtet, bin aber 1965 nach Frankreich zurückgekehrt. Ich hatte gut begriffen, dass sich hinter der arabisation andere Absichten versteckten.

War die Arabisierung nicht eine natürliche Reaktion nach dem Ende der Kolonialherrschaft?

Ich habe nichts gegen die Arabisierung als solche. Ich habe den allergrößten Respekt vor der arabischen Literatur. Aber darum ging es nicht. Es ging darum, die frankophonen Algerier und die Berber daran zu hindern, sich ihrer Muttersprache zu bedienen. Ich wehrte mich gegen die Regression. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: In den arabischen Geschichtsbüchern wurde die vorislamische Periode - die Numidier, die Römer, die Christen, zu denen ein Mann wie Augustinus gehörte - als "Epoche der Unwissenheit" vorgestellt. Wie soll man mit Abiturienten, die mit einem so primitiven Geschichtsbild an die Universität kommen, historische Kritik betreiben? Ein solches Geschichtsbild ist schwer zu korrigieren. Die Studenten sagen sich: "Das ist eine frankophone Araberin, was weiß die schon?" Man hat die Geschichte vernebelt, die Geister vernebelt, und am Ende hat man Intoleranz und Dogmatismus. Wo das Französische absolut unvermeidlich war, nicht wegen Voltaire oder Rousseau, sondern wegen der Naturwissenschaften, wurde es die "Sprache der Wissenschaft und Technik" genannt.

Im Lehrplan der österreichischen Schulen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hieß die deutsche Sprache "Unterrichtssprache". Das nur nebenbei. Sie haben sich also von der Geschichtswissenschaft verabschiedet, Theaterwissenschaft unterrichtet, Romane und Erzählungen geschrieben, und plötzlich waren Sie Algeriens erste Filmemacherin. Wie ist es dazu gekommen?

Als ich 1974 nach Algerien zurückging, ist mir klar geworden, wie wenig ich von dem Land kannte. Ich hatte einen regelrechten Hunger danach, meine Heimat kennenzulernen. Zunächst habe ich versucht, für Zeitungen zu schreiben. Aber da die Zeitungen von der Partei kontrolliert wurden, hatte ich bald Schwierigkeiten. Schließlich kam mir die Idee zu einem halb dokumentarischen, halb fiktiven Film über Frauen in der Provinz. Ich bin zum Direktor des Fernsehens gegangen, den ich von der Universität kannte. Er sagte: "Gut, schreiben Sie ein Drehbuch für uns." Darauf ich: "Nein, das interessiert mich nicht. Ich will den Film selbst drehen." - "Haben Sie das denn schon einmal gemacht?" - "Nein, aber ich habe viele Filme gesehen." Nun ja, ich habe meinen Film gemacht. Aber es hat zwei Jahre gedauert.

Der Film hat einen Preis in Venedig bekommen. In Algerien war er wohl kein so großer Erfolg?

Er war ein totaler Reinfall. Ich hatte ganz vergessen, dass die Frauen in Algier um neun Uhr nicht mehr ausgingen. Sie hatten die Lebensgewohnheiten der Notablen übernommen und blieben abends zu Hause. Wirtschaftlich ging es ihnen besser als in der Kolonialzeit, aber geistig verkümmerten sie. 400 Zuschauer waren gekommen, darunter zehn Frauen. Als der Film nach zwei Stunden zu Ende ging, war die Hälfte des Publikums verschwunden. Die andere Hälfte drosch auf mich ein: Ich hätte mit den Männern eine Rechnung begleichen wollen. Was hatte ich verbrochen? Ich hatte nur die Frauen gefilmt. Die Männer mussten währenddessen auf die Kinder aufpassen oder im Schlafzimmer warten. Man fand auch befremdlich, dass die Frauen in meinem Film ihren ganzen Schmuck am Leibe trugen. Das war allerdings etwas anderes als die Mao-Uniformen, die man damals in Algier trug. Die Kritiken in der Presse waren nicht besser. Hätte ich die Einladung nach Venedig nicht bekommen, wäre der Film sofort unterdrückt worden.

1980, im Jahr darauf, haben Sie Algerien endgültig den Rücken gekehrt. Fühlten Sie sich bedroht?

Nein, das nicht. Ich wollte mir die Freiheit des Schreibens bewahren. Im Berufsleben hatten die algerischen Frauen enorme Fortschritte gemacht. 55 Prozent der Ärzte waren Frauen. Aber in der Öffentlichkeit wurden sie immer unsichtbarer. Auf der Straße nahm die Trennung der Geschlechter rapide zu. Die Entscheidung, Algier zu verlassen, ist mir nicht leicht gefallen. Ich hatte meine Tochter, meine Eltern, meine Freunde dort. Und natürlich stellte sich die grundsätzliche Frage, ob man die Dinge nicht deformiert, wenn man aus der Distanz über sie schreibt. Aber ich habe mir gesagt: Wenn ich hier bleibe, lebe ich in ständiger Revolte. Und das bekommt dem Schreiben nicht.

Die islamischen Fundamentalisten waren damals noch eine ferne Gefahr. Wann bemerkten Sie, dass sich hier etwas Bedrohliches zusammenbraute?

Bei meinen Besuchen aus Paris fielen mir auf dem Flugplatz von Algier die vielen Flüge nach Mekka auf. Wenn Söhne ihren Müttern eine Freude machen wollten, schenkten sie ihnen eine "kleine Pilgerfahrt" zu den heiligen Stätten. Natürlich war auch ein Einkaufsbummel in Kairo mit inbegriffen. Aber die Zahl dieser Reisen war ein Anzeichen, dass sich die Stimmung änderte. Als sich die Fundamentalisten 1988 als politische Partei organisierten, war der erste Punkt ihres Programms bezeichnenderweise die Abschaffung der Koedukation. Der gemeinsame Unterricht für Jungen und Mädchen, behaupteten sie, fördere nur die unehelichen Geburten. Im gleichen Jahr kam es zu den ersten schweren Unruhen. Da die Polizei überfordert war, griff die Armee ein. In den Straßen Algiers gab es Hunderte von Toten. Damals habe ich "Fern von Medina" angefangen, mein einziges bewusst politisches Buch. Ich habe die historischen Quellen studiert, um der Karikatur des Islam, die in Algerien drohte, einem zweiten Iran, entgegenzutreten. Ich habe zwei Jahre gebraucht, um das Buch zu schreiben, ich habe überall Vorträge gehalten. Leider kam ich zu spät: Die Fundamentalisten waren schon dabei, die Gemeindewahlen zu gewinnen.

Und jetzt sind Sie wieder auf Mekka und Medina zurückgekommen.

Ja, im Mai vorigen Jahres hat man mir in Rom vorgeschlagen, ein Theaterstück zu schreiben und es selbst zu inszenieren. Ich wollte nicht über Algerien, über den Tod schreiben. Ich wollte über die Hoffnung schreiben. Die beiden Hauptpersonen sind Mohammed, der aber selbst nicht auftritt, und seine Tochter Fatima. Ich wollte zeigen, dass die Frauen nach dem Tode des Propheten eine wichtige Rolle gespielt haben. Ich habe mich vom antiken Theater inspirieren lassen: Fatima ist eine Art Antigone. Aber es wird auch Musik gemacht nach der maghrebinischen Volkstraditon.

Sie revidieren die Geschichte aber nicht, wie es Salman Rushdie tat?

Keineswegs. Ich halte mich an die historischen Quellen. Es wird behauptet, der Islam kenne das Theater nicht und verbiete die Darstellung von Personen. Das stimmt aber nicht. Im Iran gibt es schiitische Passionsspiele, und Sie brauchen sich nur im Topkapi die Darstellungen des Propheten anzusehen, wie er in den Himmel reitet. Ich wollte die Anfangszeit zeigen, in der das sozio-religiöse Gebäude des Islam entstand, mit all seinen menschlichen Widersprüchen, vor allem aber mit dem Anteil der Frauen, den sie an der Entstehung hatten. Es war damals wie heute: Wir wollen teilnehmen.

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