Assisi-Reliquie : Schwarze Schafe

Eine hochverehrte Reliquie des Heiligen Franz von Assisi hat sich als Trugwerk entpuppt. Kai Müller über das falsche Gewand eines Bettelmönchs

Kai Müller

Lügen haben kurze Beine, heißt es. Und in der Tat, nichts bewahrheitet sich dieser Tage, da die Finanzmärkte straucheln und der Bluff des segensreichen Wohlstands immer offenkundiger wird, so rasant wie die kurze Zeitspanne zwischen Betrug und dessen Aufdeckung. Ja, das Lügen will gekonnt sein, es ist wie auf Stelzen gehen. Man muss es anzustellen wissen, dass einem alle von sich aus glauben und notfalls das Laufen selbst übernehmen. Das nennen wir Legendenbildung.

Dass jetzt eine hochverehrte Reliquie des Heiligen Franz von Assisi sich ebenfalls als Trugwerk entpuppt, 800 Jahre später, bringt uns einmal mehr die Verkommenheit unseres Zeitalters vor Augen. Nicht einmal Betrüger von Format ist man noch fähig hervorzubringen. Stümper sind es allenfalls. Wer dürfte schon von sich behaupten, die Menschen beinahe ein Jahrtausend lang an die Kutte eines Bettelmönchs glauben zu lassen, die dieser nie getragen hat? Nie hat tragen können. Und vermutlich wäre die Sache auch weiterhin unentdeckt geblieben, wenn nicht zufällig in der Zwischenzeit die Atomphysik erfunden worden wäre. Nicht nur hat sie die Lüge durch die Unschärferelation ersetzt, auch Materie ist nicht mehr, was sie einmal war – stummer Zeuge aller Zeitläufte.

Als Physiker nun einzelne Fasern der florentinischen Reliquie auf ihre Herkunft hin untersuchten, stellte sich heraus, dass der Mantel erst 80 Jahre nach Assisis Tod gewebt worden sein kann. Denn da lebte das Schaf noch, von dem die Wolle stammt. Der Bauer allerdings, dem das Schaf gehörte, war hochverschuldet. Er überließ das Tier dem Abt eines Klosters, ohne für die spätere Nutzung Gewinnanteile auszuhandeln. Darüber starb er vor Gram. Der Abt aber hatte Gründe, das Geheimnis für sich zu behalten. Wie es dem Geistlichen gelang, den Weber zu bestechen, harrt noch der Aufklärung.

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