Astrid Endruweit im HAU : Leib, Leben, Liebe

An der Grenze zur Selbstentblößung: Das Tanzsolo "Asutorito Endoruwaito mit Astrid Endruweit" am HAU.

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Chamäleon zwischen den Kulturen. Astrid Endruweit. Foto: Toni Bräutigam/HAU
Chamäleon zwischen den Kulturen. Astrid Endruweit. Foto: Toni Bräutigam/HAUFoto: Toni Bräutigam/HAU

Das Solo „Pigg in Hell“, das der belgische Theatermacher Michael Laub 2000 für sie kreierte, machte die Berlinerin Astrid Endruweit mit einem Schlag bekannt. In der von Hieronymus Bosch inspirierten Choreografie verkörpert sie ein Schwein, das in der Hölle schmort – und lässt die Grenzen zwischen religiöser Entrückung und sexueller Verzückung verschwimmen. „Asutorito Endoruwaito mit Astrid Endruweit“ ist das dritte Solo, das Laub ihr auf den Leib geschrieben hat.

Der Titel verrät schon, dass die Performance im HAU1 sich auf das japanische Theater bezieht. Sie basiert wieder auf der Lebensgeschichte von Astrid Endruweit. Die biografische Erzählung beginnt noch vor ihrer Geburt. Als die Mutter mit ihr schwanger war, rieten die Ärzte zur Abtreibung. Sie waren sich sicher, dass das Kind mit einer Behinderung auf die Welt kommen würde. Die nicht erfüllte Prophezeiung bildet sozusagen die Urszene – und eine Erklärung dafür, dass Endruweit eine Affinität zu Behinderten empfindet. In einem ebenso heiteren wie irritierenden Rollenspiel imitiert sie perfekt die Gestik und Mimik von zwei behinderten Darstellern, die am Ende von sich sagen: „Ick bin Deutschland.“ Die Identifikation mit dem Anderen treibt sie auf die Spitze – als handle es sich um ein mögliches Selbst. Gleich darauf ist sie auf der Leinwand mit üppigem Make-up als Filmdiva zu bewundern, die erst verführerisch in die Kamera blickt und dann die Augen vor Entsetzen aufreißt.

Endruweit stellt an diesem Abend unterschiedliche Darstellungskonventionen vor. Dem naturalistischen Theater stellt sie das japanische Kabuki-Theater gegenüber. Diese von ihr bewunderte Bühnentradition stellt Emotionen in einer strikt kodifizierten Form dar. Die Frauenrollen werden alle von Männern gespielt. Endruweit dreht ihre Knie nach innen, kleine Bewegungen des Kinns, vollführt eine Acht mit dem Händen und spielt eine junge und eine ältere Frau – durch Unterschiede in der Körperhaltung und Modulation der Stimme. Das Publikum ist belustigt über diese kulturelle Transformationsleistung.

Doch nicht nur die famose Verwandlungskünstlerin ist zu bewundern, Endruweit balanciert wieder an der Grenze der Selbstentblößung. Schilderungen von sexuellen Begegnungen durchziehen den Abend. „Ich habe nie mit einem Behinderten geschlafen, aber ich war mit vielen blöden Männern zusammen“, sagt sie einmal – was nicht unbedingt als zerknirschte Lebensbeichte gemeint ist. Jeder dieser Männer hatte eine bestimmte Vorstellung davon, wie sie sein sollte. Die weiblichen Zuschauer kichern laut bei „The rise of the penis“, einer kurzen Choreografie, die sie für einen Boyfriend kreiert hat. Am Ende verläppert sich der Abend zu einer Aufzählung von Männerbekanntschaften. Ihr Ziel sei es, diejenige zu werden, die andere schon immer in ihr gesehen haben, sagt Astrid Endruweit. Das Bühnen-Chamäleon scheint kein stabiles Selbst zu haben – damit folgt Laubs Inszenierung einem postmodernen Identitätskonzept.

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