Astrid Lindgrens Kriegstagebuch : „Gott bewahre uns vor den Russen“

Von 1939 bis 1945 hat Astrid Lindgren ihr Kriegstagebuch geführt. Erst 13 Jahre nach ihrem Tod ist jetzt zu lesen, was die Autorin damals notierte.

Hannes Schwenger
Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren 1987 in Stockholm.
Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren 1987 in Stockholm.Foto: dpa

So können Redakteure und Lektoren sich täuschen.Im Mai 1943 schickt ein Mitarbeiter von „Dagens Nyheter“, Schwedens großer Tageszeitung, einer Unbekannten zwei Artikel zurück, obwohl er am Rand des einen notiert hat: „Das Mädchen kann schreiben, kein Zweifel.“ Aber sie schreibe etwas zu wirr und zu wenig wirklichkeitsgetreu. Das damals 35-jährige „Mädchen“ hieß Astrid Lindgren und hatte gerade begonnen, ihre Geschichten von Pippi Langstrumpf aufzuschreiben, die sie ihrer Tochter Karin gewöhnlich abends vor dem Einschlafen erzählte.

Zwei Jahre später, 1945, waren diese Geschichten zu einem Buchmanuskript angewachsen, das die Autorin Schwedens größtem Verlag Bonnier anbot – und wieder mit Bedauern zurückerhielt. Das Kinderbuchprogramm sei bereits für die nächsten zwei Jahre verplant, so die Begründung. Es war die vermutlich teuerste Fehlentscheidung des Verlags.

Eine tolle Story, doch auch wenn es nach dieser Kostprobe schwerfällt: Vergessen wir Pippi Langstrumpf und stellen uns Astrid Lindgren als ganz normale junge Schwedin vor, die am 1. September 1939 ihr erstes Tagebuch beginnt: „Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben. Gestern Nachmittag saßen Elsa Gullander und ich im Vasapark, die Kinder liefen und spielten um uns herum, und wir schimpften ganz gemütlich auf Hitler und waren uns einig, dass es wohl keinen Krieg geben würde – und dann das!“

Privates wird nur am Rande gestreift

Was das für sie und ihr Land bedeuten sollte, muss sie zumindest geahnt haben, führte sie von diesem Tag an doch ihr „Kriegstagebuch“ fort, das bis Silvester 1945, dem Tag des letzten Eintrags, auf 17 Notizbücher anwuchs. Jetzt, 13 Jahre nach dem Tod der Autorin, kann der Leser sie kennenlernen, in einer schönen, mit Familienfotos und Faksimiles ausgestatteten Edition. Warum erst jetzt? Privatissima enthalten die Eintragungen nicht, und was es dazu zu sagen gibt, benennt Antje Rávic Strubel im Vorwort zur deutschen Ausgabe lapidar als den „Ehezwist“ mit Lindgrens Ehemann Sture, den die Tagebücher nur „in verharmlosender Beiläufigkeit“ streifen: „Dabei war Sture ein halbes Jahr lang kaum zu Hause, verfiel mehr und mehr dem Alkohol, der 1952 zu seinem frühen Tod führte.“

Astrid Lindgren habe sich „weder Larmoyanz noch Selbstmitleid“ gestattet, „und wenn sie wie von oben auf ,die Lindgrens’ schaut oder sich dafür entschuldigt, längere Zeit nichts berichtet zu haben, wendet sie sich bereits an imaginäre Leser“. Allenfalls eine Andeutung verrät ihr inneres Ungleichgewicht: „Am glücklichsten bin ich, wenn ich schreibe.“

Besonders ist Lindgren an Augenzeugenberichten interessiert

Auch davon verraten die Tagebücher wenig, die sich in erster Linie als subjektiv kommentierte Kriegschronik lesen und den eigenen Kommentar mit umfangreichen Zeitungsausschnitten und Briefen Dritter ergänzen, die Astrid Lindgren als Mitarbeiterin der geheimen schwedischen Briefzensur zu lesen bekam. Hier gestattet sie sich ausnahmsweise einige Indiskretionen, denn die Briefe durften natürlich nur zum Dienstgebrauch gelesen und verwertet werden.

Die Tagebuchschreiberin Lindgren ist besonders an Augenzeugenberichten über deutsche und russische Kriegsgräuel, Judenverfolgung und Konzentrationslager interessiert, die die Tonart ihrer Aufzeichnungen im Lauf der sechs Kriegsjahre merklich verändern. Diese ist anfangs – wie man damals gesagt hätte – manchmal allzu flott, wenn sie Hitler und Mussolini als „kernige Jungs“, einen finnischen Politiker als „Herzchen“ und „Kommunistenlümmel“ bezeichnet und den Englandflug von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß mit den Worten kommentiert: „Jetzt ist die Kacke am Dampfen.“

Astrid Lindgren 1997
Astrid Lindgren 1997Foto: picture-alliance/ dpa

Hitlers Staatsbesuche bei seinen Verbündeten referiert sie sarkastisch: „Der kleine süße Hitler ist nun einige Zeit wie ein geölter Blitz von einem Land ins andere gerast.“ Auch ein paar scharfe politische Witze flicht sie ein. Noch Mussolinis Sturz 1943 – jetzt nennt sie ihn einen „Schweinehund“ – feiert sie mit den Worten „Hi und Ho! Dideldum, dideldei!“ Und fügt hinzu: „Und jetzt, bitte, Adolf Hitler!“

Dabei fürchtet sie anfangs mehr als Hitler und die Deutschen eine russische Invasion in Skandinavien, deren Folgen sie sich anhand der Berichte vom finnischrussischen Krieg und der Besetzung Ostpolens und des Baltikums ausmalen kann. „Und ein geschwächtes Deutschland könnte für uns im Norden nur eins bedeuten – dass wir die Russen auf den Hals kriegen. Und dann, glaube ich, sage ich lieber den Rest meines Lebens ,Heil Hitler’, als den Rest meines Lebens die Russen bei uns zu haben.“ Gleichzeitig bedauert sie, „dass niemand Hitler erschießt“ und gibt ihm die Verantwortung dafür, dass Deutschland „die russischen Barbaren auf Europa losgelassen hat“.

Je mehr sie erfährt, desto größer wird Lindgrens Hass auf Deutschland

Die schwedische Neutralität empfindet Lindgren als erleichternd und zugleich beschämend, etwa wenn sie die Kriegsnöte der skandinavischen und baltischen Nachbarn schildert und ihre Sympathie für das geteilte, leidende Polen bekennt. Der Mord an zehntausend polnischen Offizieren in Katyn entlockt ihr noch einmal den verzweifelten Stoßseufzer: „Ja, Gott bewahre uns vor den Russen.“ Erst der heldenhafte Widerstand der Leningrader gegen die deutsche Belagerung weckt ihr Mitleid – und eine gewisse Bewunderung für die Sowjets: „Man muss schon Russe sein, um solche Leiden durchzustehen.“

Jetzt wächst nicht nur ihr Hass auf Hitler, sondern auch auf das deutsche Volk, das scheinbar unverbrüchlich hinter seinem „Führer“ steht. Nicht nur mit Hitler, den sie für einen „psychisch kranken Mann“ hält, auch mit den Deutschen könne „etwas nicht stimmen“, weil sie „im Abstand von zwanzig Jahren und zwei Weltkriegen die ganze Menschheit gegen sich“ aufbringen.

Das Hitler-Attentat von 1944 vermerkt sie mit 14 Tagen Verspätung

Am Heiligen Abend 1943 entsetzt sie sich über Lidice, diese Untat sei „von einem Volk begangen worden, das ,Stille Nacht’ geschaffen hat“ – und zitiert eine schwedische Parodie auf das deutsche Weihnachtslied: „Stille Nacht, heilige Nacht! Die Gestapo hat Vater weggebracht.“ Aber sie wäre nicht neutrale Schwedin, wenn sie sich nicht auch über die alliierten Bomben auf Hamburg und Berlin entsetzen könnte und darüber, dass sich die Engländer wie die Deutschen benehmen.

Am Ende, im März 1945, liegt für sie „ein Geruch von Blut über Deutschland... Es fühlt sich an wie der Untergang des Abendlands.“ Sie selbst fand dann wegen ihrer familiären Sorgen kaum mehr die Kraft, ihr Kriegstagebuch weiterzuführen. Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hat sie weder dokumentiert noch kommentiert, nur 14 Tage später ihr Versäumnis. Und doch fühlt sie sich nur noch glücklich, wenn sie schreiben kann. In guten Stunden, notiert sie, „amüsiere (ich) mich gegenwärtig mächtig mit Pippi Langstrumpf“- Als Astrid Lindgren Anfang Juli 1945 aus ihrem „Schmuddeljob“ bei der schwedischen Postzensur ausscheidet und sich Sorgen macht, sie werde die Kameradschaft im Dienst und auch das Geld vermissen, ahnt sie noch nicht, dass Pippi Langstrumpf ihr diese Sorgen schon bald abnehmen wird.

Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 - 1945. Aus d. Schwedischen von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs. Ullstein, Berlin 2015. 576 Seiten, 24 €.

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