Kultur : Astrologie: Mehrere Rinder also werden sterben

Jörg von Uthmann

Auch wenn es mehr als drei Jahrzehnte her ist - die Pariser haben nicht vergessen, dass Gunter Sachs einmal mit Brigitte Bardot verheiratet war. Die französische Ausgabe seines Buches "Die Akte Astrologie" wurde wie ein neues Parfum vorgestellt. Pierre-Christian Taittinger aus der Familie von Schaumwein-Produzenten, Minister a. D. und jetzt Bürgermeister des feinen 16. Arrondissements, ließ es sich nicht nehmen, den Autor in seinem Rathaus - nur wenige Schritte vom letzten Wohnsitz der Callas entfernt - zu feiern. Mit den verrückten Kühen, scherzte er, hätten sich die Experten ja getäuscht. Er halte sich lieber an die Astrologen. Gelächter, Beifall, Griff zum Champagnerglas. Alle wissen, dass die Astrologie ein blühender Erwerbszweig ist. Mögen sich die Franzosen auch schmeicheln, das Volk des aufgeklärten Descartes zu sein - mehr als 40 astrologische Monatszeitschriften belegen, dass die Aufklärung nicht das ganze Land durchdrungen hat. Vor 35 Jahren spottete das Magazin "Time", in Frankreich gebe es für 4000 Einwohner einen Priester, für 514 einen Arzt und für 120 einen Scharlatan. Wenn wir den Statistiken glauben, hat sich seitdem nicht viel geändert. Nach einer Umfrage im Sommer schenken 47 Prozent der französischen Frauen den Ratschlägen ihres Horoskops mehr Vertrauen als dem Rat ihres Partners. Unter höheren Beamten und freien Berufen konsultieren 34 Prozent häufig das Horoskop, unter Arbeitern nur 29 Prozent, unter Landwirten 15 Prozent.

Von wem eigentlich werden wir regiert?

Dennoch waren die Franzosen peinlich berührt, als Elizabeth Tessier, deren astrologischer Almanach Jahr für Jahr zu den Bestsellern gehört, im August enthüllte, auch der verstorbene Mitterrand habe regelmäßig ihren Rat gesucht. Von wem wurden wir regiert, fragten die Zeitungen entsetzt, von einer Sterndeuterin? Eine ähnliche Aufregung herrschte vor zehn Jahren in Amerika, als herauskam, Nancy Reagan habe nach dem Attentat auf ihren Ronald alle Termine von einer Astrologin absegnen lassen. Dabei hätte ein Blick auf die Geschichte gezeigt, dass die Großen dieser Welt seit jeher das Bündnis mit dem Himmel suchten. "Die Sterne lügen nicht", ruft Schillers Wallenstein aus, nachdem offenbar geworden ist, dass ihn sein engster Vertrauter verraten hat, "das aber ist geschehen wider Sternenlauf und Schicksal!" Die Kirche zögerte lange, die heidnische Astrologie zu verdammen. Papst Sixtus V. belegte 1586 die Astrologie mit dem Bann. Doch sein Nachfolger Urban VIII. beschränkte den Bann auf die astrologia judiciaria, Voraussagen für den einzelnen Menschen. Die in der Medizin, der Landwirtschaft und Schifffahrt gepflegte astrologia naturalis wurde erlaubt.

Dass sich aufgeklärte Geister über den Sternglauben lustig machten, ließ die Gläubigen ungerührt. In einer 1533 publizierten Parodie legt der Dichter Rabelais einem "Meister Alcofribas" folgende Voraussagen in den Mund: "In diesem Jahr werden die Blinden wieder wenig sehen, die Tauben werden schlecht hören und die Stummen kaum reden. Den Reichen wird es besser gehen als den Armen, den Gesunden besser als den Kranken. Mehrere Hammel, Rinder, Hühner und Enten werden sterben. Auch viele Affen und Dromedare wird ein grausamer Tod ereilen." Ganz spurlos jedoch ging der Fortschritt der Wissenschaft auch an der Astrologie nicht vorüber. Die vom Hof bestellten Horoskope verwandelten sich in Gefälligkeitsgutachten. Als Ludwig XIV. geboren wurde, stellte die amtliche Expertise - Verfasser war Tommaso Campanella, der Erfinder des "Sonnenstaats" - fest, die Konstellation des Dauphin werde von neun Gestirnen, den neun Musen, beherrscht: "Am Sonntag geboren, wird er wie die Sonne mit seiner Wärme und seinem Licht das Glück Frankreichs machen." 1666 gründete Colbert, der Premier des Sonnenkönigs, die Académie des sciences und verweigerte der Astrologie die Anerkennung als Feld der Forschung. Zwölf Jahre später, nach dem Prozess gegen die angesehene Wahrsagerin und Giftmischerin Voisin, bedrohte ein Edikt Zukunftsvoraussagen mit Verbannung.

Auch die Revolutionäre von 1789 beeilten sich, die divination zu verdammen. Das Strafgesetzbuch von 1810 schloss auch die Traumdeutung ein. Doch das prophetische Gewerbe blühte. Die erfolgreichste Praktikantin war Marie-Anne Adelaide Lenormand. In ihrem Hinterzimmer in der Rue de Tournon fanden sich die Mächtigen Europas ein - Josephine Beauharnais, Talleyrand, Madame de Stael, Metternich, Zar Alexander I. Neben den Sternen konsultierte sie Karten, Handlinien und Kaffeesatz. Als sie am 27. Juni 1843 auf dem Père Lachaise zu Grabe getragen wurde, war ihre Beerdigung ein gesellschaftliches Ereignis, doch als neue Moden der Salons waren nun Spiritismus, Hypnotismus, Somnambulismus im Trend. Astrologie verkam zur Jahrmarktsattraktion.

Die Waage fährt BMW, der Löwe Audi

Die illustrierten Zeitschriften verhalfen den Horoskopen zu neuem Aufschwung. Im Jahre 1970 legte sich Radio Europe I eine Hausastrologin zu, "Madame Soleil". Als Präsident Pompidou auf einer Pressekonferenz ausrief: "Aber ich bin doch nicht Madame Soleil!", wurde ihre Bedeutung öffentlich, aber die Franzosen wussten noch nicht, dass auch Pompidous Vorgänger de Gaulle einen Nostradamus beschäftigt hatte - mit militärischem Rang. Major Maurice Vasset ist heute ein Pensionär von 85 Jahren - und schweigt: "Ich bin auf doppelte Weise zur Geheimhaltung verpflichtet - als Astrologe und als Soldat." Aber er lässt durchblicken, dass er von dem Referendum, über das de Gaulle stürzte, abgeraten habe.

Das Problem mit pensionierten Sehern ist, dass sie sich nur an ihre richtigen Voraussagen erinnern. Jean Dixon ist berühmt dafür, dass sie vor der Wahl von 1960 die Ermordung des nächsten Präsidenten prophezeite. Weniger bekannt ist, dass sie Nixon als Wahlsieger erwartete. Auch andere Voraussagen - ein bakteriologischer Krieg mit China oder das Ende der katholischen Kirche - gingen an der Realität vorbei.

Gunter Sachs hat sich eine bescheidenere Aufgabe gestellt. Mit seinem "Dossier Astrologie" will er statistisch belegen, dass bestimmte Verhaltensweisen von Tierkreiszeichen zu Tierkreiszeichen schwanken. BMWs, behauptet er, werden häufig von Waagen gekauft, Audis von Löwen. Zwillinge stehlen weniger als Skorpione. Wenn Fische Selbstmord begehen, tun sie es eher mit Schlafmitteln. Krebse ziehen es vor, sich zu erschießen. Jeder mag solche Abweichungen interpretieren - als Beweis der Himmelsmächte, als Zufälle. Nur für eine Statistik - die hohe Zahl der Ehen, in denen beide Gatten unter dem gleichen Stern geboren wurden - gibt es den eindeutigen Grund: Die Brautleute glaubten an die Astrologie.

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