Kultur : Asyl - Furcht und Elend des vergessenen Rechts

Oliver Schmolke

Als 1993 der Artikel 16 des Grundgesetzes mit verfassungsändernder Mehrheit ausgehöhlt wurde, ging es nicht mehr um das Recht auf Asyl. Der "Asylmissbrauch" stand auf der Tagesordnung. Es war das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass eine von Rechtsradikalen und rechtspopulistischen Kräften angestiftete Kampagne zum Eingriff in den Kernbereich eines Grundrechts führte. Die Logik der sogenannten Drittstaaten-Regelung macht aus dem Asylrecht ein Asylabwehrrecht. Wer definiert, dass um die deutschen Grenzen ein lückenloser Wall sicherer Nachbarstaaten liegt, in denen der Flüchtling gefälligst schon hätte Aufnahme finden können, will nicht den Flüchtenden vor Verfolgung und Abschiebung, sondern die Grenzen vor dem Flüchtling schützen.

Getrieben von kollektiver Erregung schloss der Gesetzgeber die Augen und vergaß, dass Flüchtlinge Menschen ohne Schutz sind. Der Band "Asyl - Das bedrohte Recht", der als neuester Titel in der Reihe "Ich klage an!" bei Elefanten Press erschienen ist, will den Leser für die Perspektive der Betroffenen zurückgewinnen. Unser Vorstellungsvermögen soll geschärft werden, um sich in das bedrohte und auf lange Dauer zerrüttete Leben eines Flüchtlings zu versetzen. Es geht um Mitgefühl. Und darum, sich einer politischen Verleumdung zu widersetzen, die schon im Hasswort "Asylant" alle Schuldzuweisungen versammelt, die einen Menschen als Objekt von Gewalt für vogelfrei erklären.

Der Autor stellt keine distanzierten Beobachtungen an. Herzstück der Recherche sind Erzählungen, die das Schicksal von Kriegs- und Verfolgungsopfern im Land ihrer Herkunft sowie im Land der Zuflucht schildern. Ambitioniert ist der Blickwinkel erlebter Rede, mit der sich Gérard Dhôtel in die Haut der Flüchtlinge vorwagt. Der französische Journalist übernimmt die Stimme von Varatharaja aus Sri Lanka oder Sabina aus Bosnien, um den Leser ins Geschehen förmlich hineinzusaugen. Und dies gelingt. Die Spannung des Unvertrauten ist sofort vorhanden. Man spürt, was die tägliche Gefahr eines Bürgerkrieges, und mehr noch, was Asyl selbst dann bedeutet, wenn die Anerkennung ausgesprochen wird: Kein Paradies, sondern Trostlosigkeit - Heime und Lager, Zimmer wie Gefängniszellen, Isolation und Fremdheit.

"Asyl" ist der sechste Band einer Reihe, die sich der anschaulichen Darstellung von Menschenrechtsverletzungen widmet. Alle der bisher erschienenen Bücher sind nach dem selben Muster geschrieben. Ob es um Folter, Landminen, Drogen, unterdrückte Mädchen, Rassismus oder Flucht geht: immer wird die abgeklärte Sprache der Sozialanalyse vermieden zugunsten lebendiger Innenansichten von Angst und Verzweiflung, aber auch vom Aufbegehren. Denn politische Gewalt ist Menschenwerk. Die Hilfe engagierter Personen und Gruppen hat Wirkung. Wer darauf angewiesen ist, weiss es. Diesen Büchern sind Leser zu wünschen. Aber welche? Die Aufmachung der Bände als Jugendbücher sollte nicht zur Annahme verleiten, dass es Jugendliche seien, die Aufklärung in Sachen Empathie am nötigsten hätten. Man möchte die Lektüre auch jenen empfehlen, die für die demütigende Atmosphäre eines Ausländeramtes verantwortlich sind.Gérard Dhôtel: Asyl - Das bedrohte Recht. Edition "Ich klage an!". Aus dem Französischen von Dieter Schöneborn. Elefanten Press, Berlin 1999. 144 Seiten, 19,90 DM.

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