Atelierhäuser : Rechnen, mauern, fegen

In Berlin werden Studios knapp. Eine Alternative sind Atelierhäuser, für die Künstler selber mitanpacken müssen. Sofern Künstler neben Beruf, Nebenjob und gegebenenfalls Familie Zeit für diese Investition in ihre Zukunft finden.

Claudia Wahjudi
Selbst ist der Künstler. Andreas Helfer in seinem Studio im Atelierhof Kreuzberg, wo einst das Grünflächenamt logierte.
Selbst ist der Künstler. Andreas Helfer in seinem Studio im Atelierhof Kreuzberg, wo einst das Grünflächenamt logierte.Foto: Mike Wolff

Die Putzkraft ist inklusive. Im Atelierhaus Milchhof mieten Künstler nicht nur Studios, sondern Rundumversorgung. Der Reinigungsdienst kümmert sich um die Sauberkeit der Treppen, eine unabhängige Jury um klüngelfreie Vergabe der rund 50 Studios, ein Geschäftsführer um die Geschicke des Hauses und die Kunsthistorikerin Doris Knöfel um den hauseigenen Ausstellungsraum.

Im Hof der ehemaligen Schule in der Schwedter Straße haben die Architekten Anna Partenheimer und Carl Zillich einen von allen vier Seiten einsehbaren Glaspavillon gebaut, der weder Aufsicht noch Heizung braucht. Nach der Einweihung im Herbst 2009 stellten hier zunächst Künstler des Hauses aus, jetzt laden sie Kollegen von auswärts ein. Ab heute zeigt Guillermo Velasco aus Boston Zeichnungen. Gastgeberin Lindy Annis führt zur Eröffnung eine Performance auf. Und für all das zahlen die Mieter nur 4,05 Euro warm pro Quadratmeter, mitten in Prenzlauer Berg, wo ein Flächenmeter Fabriketage schon einmal zwölf Euro kosten kann.

Der Milchhof ist eine Oase, gewachsen in den Freiräumen der Wendezeit an der Anklamer Straße, verpflanzt 2004 in die Schwedter Straße, gesichert durch einen Vertrag mit dem Bezirk für weitere 14 Jahre. Rings um den Milchhof sind Ateliers heute knapp. Aus Fabriketagen und Remisen sind Wohnungen geworden, die Ladenmieten gestiegen. Um Gewerbeflächen konkurrieren Künstler mittlerweile mit Rechtsanwälten, Steuerberatern, Designern. Ähnlich sieht es in der ganzen Innenstadt aus. Der Zustrom von Künstlern aber hält an. Bis zu 6000 leben hier laut Berufsverband Bildender Künstler Berlin (BBK). Derzeit sind über 4000 Ateliersuchende registriert.

Vor drei Jahren waren es rund die Hälfte weniger, staunt selbst der Atelierbeauftragte des Landes, Florian Schöttle. In diesem Jahr haben sich über 600 Künstler auf 97 ausgeschriebene Ateliers und Atelierwohnungen beworben, die Berlin mit seinem derzeit rund 800 Studios und Wohnungen umfassenden Atelierprogramm fördert. „Berlin ist als Produktionsort für Künstler immer noch billiger als Paris, London oder New York“, weiß Doris Knöfel vom Milchhof. „Aber es gibt inzwischen zu wenig Räume.“

Entlastung versprechen die privatwirtschaftlichen Kreativhäuser mit ihren flexiblen Büros und Studios. Die Schöneberger Malzfabrik ist allerdings bis Frühjahr ausgebucht. Die Internetseite des Kreuzberger Aqua Carrés meldet volle Belegung, am Schwarzen Brett wirbt immerhin ein Zettel für zwei Arbeitsplätze in einem Gemeinschaftsatelier, Kosten pro Platz: 164 Euro. Draußen in Weißensee, im European Creative Center, sind komplette Studios zu haben, derzeit jedoch nur für Künstler, die „in Zimmerlautstärke“ werken.

Wer bei den öffentlich geförderten Ateliers und in den Kreativhäusern nicht fündig wird, muss es auf dem regulären Markt versuchen wie Barbara Breitenfellner. „Dort ist ein Künstler ein Interessent wie jeder andere potenzielle Mieter auch“, berichtet sie. „Ich sollte Schufa-Auskunft, sechs Monatsmieten Kaution und einen Einkommensnachweis vorlegen.“

Gerade Letzteres ist für Berliner Künstler häufig schwierig. Ihr durchschnittliches Einkommen liegt bei 850 Euro, haben der BBK und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 2006 errechnet. Davon muss auch die Wohnung bezahlt werden – in einer Stadt, in der die Mieten doppelt so schnell steigen wie die Verbraucherpreise und viel sozialer Wohnungsbau privatisiert worden ist.

In den Senatsverwaltungen für Finanzen, Kultur und Stadtentwicklung wird deshalb gegenwärtig darüber nachgedacht, ob die 230 vom Land geförderten Atelierwohnungen mit Wohngeld bezuschusst werden sollten. Ein Drittel der Wohnungen wird derzeit von anderen Mietern genutzt, weil Künstler die dortigen Staffelmieten nicht mehr zahlen können. Womöglich wird dieser Plan ein Thema im nächsten Hauptausschuss sein. Eine Erweiterung des Atelierprogramms dagegen steht in dieser Haushaltsperiode nicht mehr auf dem Plan.

Andreas Helfer hat nicht erst auf Hilfe durch die Politik gewartet, der Kreuzberger Maler schuf 2007 selbst Fakten. Von den Fenstern seiner Wohnung in der Schleiermacherstraße sah der Künstler auf einen Ziegelbau des Grünflächenamts. Als sich andeutete, dass die Gärtner ausziehen würden, bat er den Bezirksbürgermeister um einen Termin. Jetzt arbeiten 41 Künstler und Künstlergruppen auf dem Gelände, unter ihnen Marc Bijl und Sofia Hultén.

Doch zuvor war vieles zu schaffen. Architekten und Juristen wirkten mit. Andreas Helfer rechnete, überzeugte, gründete einen Verein, verputzte, fegte und fragte den Atelierbeauftragten Schöttle um Rat. Nun gibt es wie im Milchhof einen eigenen Ausstellungsraum, und eine vom Senat einberufene Vergabekommission entscheidet über die Bewerbungen, die an das Atelierbüro zu richten sind. Hinzu kommen Schüler-Workshops als Bedingung des Bezirks, damit es im Atelierhof Kreuzberg transparent zugeht und auch die Nachbarn etwas von ihm haben. Im Gegenzug schloss der Bezirk im Juni 2010 einen Erbpachtvertrag mit einem Zins von drei Prozent ab.

Keine fünf Minuten von der Markthalle am Marheinekeplatz entfernt gehören nun 10 000 Quadratmeter für die nächsten 30 Jahre der Kunst. Auch so kann Atelierförderung aussehen – sofern Künstler neben Beruf, Nebenjob und gegebenenfalls Familie Zeit für diese Investition in ihre Zukunft finden.

Pavillon am Milchhof: Guillermo Velasco. 18.–28. Dezember, Schwedter Str. 232–234, Prenzlauer Berg, tägl. 0–24 Uhr, Eröffnung: 17.12., 19 Uhr

Atelierhof Kreuzberg: Tatjana Doll. Bis 2. Januar, Schleiermacherstr. 31–37, tägl. 12–20 Uhr. Geschlossen am 31.12. und 1. 1..

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