Kultur : Atemberaubend: Lena Stolze als wandelnde Kreditkarte am Berliner Renaissance-Theater

Frank Dietschreit

Die Liebe ist Glück und Chaos, Verheißung und Verdammnis. Wer weiß das besser als Alan Ayckbourn. Seit ihn "Theater heute" Ende der 80er Jahre zum "Molière der Middleclass" promovierte und Peter Zadek im Theater am Kurfürstendamm eine fulminante Inszenierung von "Ab jetzt" auf die Bretter warf, gilt der britische Dramatiker als Spezialist für die abgründige Komik, die das Leben und die Liebe für uns bereit halten.

Das 1997 in England uraufgeführte und jetzt im Renaissance-Theater angekommene "Things we do for Love" (Alles nur aus Liebe) zeigt den alltäglichen Krieg der Geschlechter in Zeiten des Single-Daseins. Barbara ist eine dieser Siegerinnen der Emanzipationsgeschichte. Aufgeklärt, selbstständig, erfolgreich. Sie braucht auf niemanden - außer auf sich selbst - Rücksicht zu nehmen. Schon gar nicht auf einen Mann, eine tiefer gehende Beziehung oder gar auf Kinder. Lena Stolze ist in Dietmar Pflegerls unaufgeregter, messerscharf die Pointen setzender Inszenierung diese Barbara. Wie Lena Stolze diese wandelnde Kreditkarte spielt, diese allseits entwickelte Persönlichkleit, die die Utopie des Kommunismus im Einfraubetrieb erfüllt hat, ist geradezu atemberaubend. Mit der Strenge einer Penthesilea fuhrwerkt sie als robuste und zielstrebige Erfolgsfrau über die von Dieter Klaß modisch gestylte Bühne. Weil in ihrer Barbara aber mehrere Seelen streiten, sie nicht nur eine herrische und arrogante Kratzbürste, sondern auch eine nervöse und verletzliche Liebessucherin ist, kann sie auch unerwartet witzig sein.

Barbaras unterkühlt gemütliche Wohnung ist der eigentliche Spielort. Links führt eine Treppe ins Souterrain. Dort haust Gilbert, ein Mann für alle Gelegenheiten. Matthias Günther spielt ihn als komischen Kauz, der alles über defekte Ventile und verrostete Abflussrohre weiß, aber von den Wegen der Liebe keine Ahnung hat.

Oben zieht gerade Nikki, Barbaras beste Freundin, ein. Nikki, von Katherina Lange als quietschfidele, naiv-dümmliche Urgewalt angelegt, hat ihren Verlobten dabei. Er heißt Hamish und wird bei Friedrich-Karl Praetorius zum durchtriebenen Schlawiner. Ein knallharter Macho mit taktisch gut platzierten Softie-Allüren. Der Zuschauer kann ausschnitthaft sehen, was sich dort unterm Dach abspielt - der ganz normale, von Lust und Frust bestimmte Gefühlsclinch. Die Kampfzone wird sich schnell auch in Barbaras Wohnung ausweiten.

Bis es zu dem kommt, was man wohl als Anziehung gegensätzlicher Kräfte bezeichnet und die männerabstinente Barbara unter einer Sturzflut von Lust und Liebe begraben wird. Es wird geprügelt, geweint und gevögelt. Doch trotz aller Trennungsschmerzen und Lustschreie rutscht die Inszenierung nie ab in billigen Klamauk, sondern sie zeigt Liebeskampf und -krampf auf höchst amüsantem und hintersinnigem Niveau. Das liegt weniger an der Komödie, die man allenfalls als durchschnittlich bezeichnen kann, sondern ist ein Verdienst der aberwitzig präzis und erschreckend komisch agierenden, wunderbaren Schauspielschar.

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