Kultur : Atemkünstler

Dem großen Flötisten Aurèle Nicolet zum 80.

Marius Meller

Für Flötisten ist die Romantik eine Durststrecke. Von Franz Schubert gibt es die Variationen über „Ihr Blümlein alle“ und von Carl Maria von Weber ein bescheidenes Trio für Flöte, Cello und Klavier. Ein Flötist lauscht andächtig, aber sicher nicht ohne ein Gran Neid einem Weber-Klarinettenkonzert oder einer Brahms-Violinsonate. Dem großen Flötisten Aurèle Nicolet war dieser Mangel ein Ansporn gesteigerter Neugierde: Der Spagat zwischen Barock und Frühklassik auf der einen Seite und Frühmoderne und Moderne auf der anderen Seite gelang ihm von Anfang an.

Durch den Dirigenten Hermann Scherchen – eigentlich einem frühen Schutzengel der Neuen Musik – entdeckte Nicolet als Jungspund Johann Sebastian Bach. Noch vor seinem Examen, gleich nach dem Abitur 1944 in seinem Geburtsort Neuchâtel lud ihn der Dirigent zum Festival in Gstaad ein, wo er Bachs fünftes Brandenburgisches Konzert musizierte. Nicolet studierte bei den Altmeistern André Jaunet in Zürich und Marcel Moyse in Paris und wurde neben Jean-Pierre Rampal zum einflussreichsten Solisten seines Instruments.

Furtwängler holte ihn 1950 als Soloflötisten zu seinen Philharmonikern nach Berlin, wo Nicolet bis 1965 als Professor an der Hochschule der Künste wirkte. Im Laufe eines reichen Musikerlebens spielte er fast die gesamte Literatur für Flöte ein, transkribierte unermüdlich flötentaugliche Partituren. Nicolet, ein starker Raucher, wendete als einer der ersten die Zirkularatmung auf der Flöte an, so dass etwa seine Transkription der Bach’schen Cello-Suiten sich in scheinbar unendliche Atembögen auffächern. Morgen feiert Aurèle Nicolet in Freiburg, wo er von 1965 bis 1981 die Meisterklasse leitete, im Kreis von Schülern und Freunden seinen 80. Geburtstag.

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