Kultur : Atempause

Der Ausstellungsbereich Open Space bewährt sich

Oliver Tepel

Milchkaffeefarbener Teppichboden und Wände in Cappuccinobraun. Wären da nicht die kubistischen Sitzgelegenheiten, man würde sich in der Filiale eines Starbucks-Konkurrenten wähnen. So bietet der Open Space neben Imbiss und Brasserie auch Kommunikation und kurze Schreckensmomente, wann immer sich die Sitzblöcke in Bodenfarbe als Stolperfalle für Vorbeiflanierende erweisen. Gilt deren Aufmerksamkeit doch völlig der Kunst, auf und zwischen den betont offenen Stellwandkonstruktionen. Augenscheinlich besänftigt die mittlerweile vierte Ausgabe des unabhängigen Messebereichs den gehetzten Habitus der aus überstrahlten Kojen einfallenden Besucher. Man redet, lässt sich Zeit für einen Imbiss und – vor allem – für die Kunst.

Messeroutine aufzubrechen war Kardinalziel jener im Jahr 2005 von der Agentur Neumann und Luz erstmals inszenierten Präsentationsfläche. Was damals noch etwas angestrengt erschien, wurde mittels kleiner Veränderungen optimiert. Heute bietet der Open Space eine wirkliche Parallelwelt zum Messeeinerlei. Viele Galerien begrüßen die verwinkelten Konstruktionen. Bringen sie den Betrachter doch unweigerlich nah an die Kunst. Eine soziologische Studie würde wahrscheinlich eine längere Verweildauer vor den Werken diagnostizieren, dem Verkauf kommt es zugute.

Der neue Art-Cologne-Chef Daniel Hug wird es zu schätzen wissen, wurde er doch aus dem Auswahlkomitee des Open Space rekrutiert. Zum Glück wird auf standardisierte Auswahlkategorien verzichtet. Stattdessen geht es um eine Mixtur aus Hippem und unentdecktem Potenzial. So fallen diesmal gerade Übersehene oder Zukurzgekommene ins Auge: So wird endlich das bildnerische Schaffen des allzu früh verstorbenen Nikolaus Utermöhlen gewürdigt. Die Galerie September, die im Berliner Haupthaus ebenfalls gerade eine Utermöhlen-Schau bestreitet (siehe Kolumne), zeigt in Köln neben einer großen Arbeit auch aufwendig restaurierte Papiervorarbeiten, die an Zeiten erinnern, in denen Berliner Künstler nicht mal mit außerordentlichen Arbeiten in den Dunstkreis internationaler Sammleraufmerksamkeit gelangten.

Hannah Wilkes Nachlass wird von Solway Jones (Los Angeles) vertreten, die überfällige Würdigung feministischer Künstlerinnen der 60er und 70er gibt auch ihren hochpersönlichen Arbeiten neue Aufmerksamkeit. Dieselbe Galerie präsentiert auch Channa Horwitz. Ihr zartes, durch ideologisch-ästhetische Raster purzelndes, geometrisch abstraktes Werk erstrahlt in unentwegt produktiver Ideenvielfalt. Ähnliches gilt für die feministischen Fotografien von Alexis Hunter bei Karma (Zürich) und Collagen von Linder bei Linn Lühn (Köln). All dies geht nicht zulasten jüngerer Generationen, auch hier findet sich Aufsehenerregendes wie eine sehr schöne abstrakte Filmarbeit von Andreas Bunte bei Ben Kaufmann (Berlin) und kristallin feine, scharfkantige Objekte von Alicja Kwade bei Lena Brüning (Berlin). In der Summe funktioniert die neue Art der Messewahrnehmung. Über 50 Galerien auf 3000 Quadratmetern lassen sich zwar kaum komplett erschließen, aber genau darin liegt der Reiz. Was Entdeckerinstinkte weckt, kann so falsch nicht sein! Oliver Tepel

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