Athen : Akropolis-Museum: Die neue Mitte der alten Welt

Es ist der spektakulärste neue Museumsbau in Europa und soll nicht nur ein Schatzhaus sein: Ein erster Gang durch das noch immer nicht eröffnete Akropolis-Museum in Athen.

Peter von Becker
Akropolis-Museum
Zwischen den Zeiten. Die Vorhalle des neuen Akropolis-Museums über den antiken Ausgrabungen. -Foto: promo

Gleich nach dem Einlass glaubt man sich für Augenblicke ins Berliner Kanzleramt versetzt: so viel Sichtbeton, kühle Auftrittsatmosphäre, Treppenhausmonumentalität. Aber es ist der spektakulärste neue Museumsbau in Europa und soll nicht nur ein Schatzhaus sein, sondern auch die kulturelle Herzkammer des Kontinents bezeichnen. Um diese, symbolisch, zum Pulsieren zu bringen. Der Symbolkraft wegen sollte das Neue Akropolis Museum freilich schon vor vier Jahren, zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen eröffnet werden.

Bei einer kleinen Ausstellung im Pergamonmuseum von Berlin, wo im vergangenen März die „Museen des 21. Jahrhunderts“ präsentiert wurden, hieß es noch, der Bau am Fuß der Akropolis, würde diesen September seine Pforten öffnen. „Das schaffen wir nicht“, sagt nun Dimitrios Pandermalis, seit acht Jahren Direktor des 130-Millionen Euro teuren Projekts, als er uns dieser Tage durch sein Haus führt. „Ich glaube, es wird Ende des Jahres oder Anfang 2009 so weit sein“, und mit einem Lächeln fügt der deutsch sprechende Archäologe, ein kleiner, feiner älterer Herr, noch leise an: „Auf uns schaut die Welt, da kommt es auf ein paar Monate nicht mehr an.“

Das klingt, als spräche er, was die Welt und den Ort hier angeht, von zweieinhalbtausend Jahren. Doch dauert der Kampf um das neue Museum auch schon drei Jahrzehnte, und den Auftrag erhielt der in Paris und New York residierende französisch-schweizerische Architekt Bernard Tschumi erst 2000. Längst war der oben auf dem Akropolisfelsen noch im 19. Jahrhundert errichtete Ausstellungspavillon zu klein geworden für die vieltausend Fund- und Bruchstücke des einst der Göttin Athene geweihten Parthenon und der übrigen Tempel und Heiligtümer auf der Akropolis sowie der den Felsberg umgebenden antiken Areale.

Eben diese Bezirke, angrenzend an das auf der Südseite der Akropolis gelegene Dionysos-Theater und das vom Hellenic Festival gerade wieder bespielte Theater des Herodes Atticus, wurden bereits zu den Olympischen Spielen vor vier Jahren von Athens höllischem Autoverkehr befreit und in eine kulturhistorische Flaniermeile verwandelt. Allerdings mussten für das Museum 25 neuere Wohnhäuser abgerissen werden, was gut hundert Gerichtsverfahren nach sich zog. Und die riesige Baugrube legte nochmals Teile der antiken Stadt frei. Also erhebt sich das Museum auch über seinem eigenen Gegenstand – was passagenweise gläserne Böden zur Folge hat, angefangen bei der Vorhalle am Eingang gegenüber dem Dionysos-Theater und fortgesetzt bis ins dritte Obergeschoss. Immer wieder fällt so der Blick des Besuchers hinab in die Vorgeschichte: auf eine aus Straßenzügen, Grundmauern und Mosaikfeldern gebildete Topographie der Antike.

Was derart transparent und schwebend klingt, vermittelt sich freilich erst im Inneren. Nähert man sich dem Tschumi-Bau nicht von der Akropolis, sondern von der dem heutigen Athen zugewandten Seite, dann schockiert ein gut hundert Meter langer grauer Betonwabensockel, und die von Metallgittern durchsetzte Glasfront darüber wirkt so klobig wie die Ostmoderne eines ehemaligen ZK-Gebäudes. Da ist zunächst nichts einladend, und selbst der Schwung eines trapezförmig auskragenden Vordachs oder von horizontal geknickten Betonstreben auf der Akropolis-Seite erscheinen als Kontrast nur wie ein gegen die schiere Baumasse erzwungenes Ornament.

Direktor Pandermalis verweist darauf, dass man „zur optischen Auflockerung“ bereits dabei sei, einen Olivenhain nebst Zitronengarten um den mächtigen Bau zu pflanzen. Aber was ein Museum wert ist, zeigt sich erst Hinter der Hülle. Dort wirkt nur das funktionale Untergeschoss wie in Beton und Stahl gefangen: mit den Garderoben, Buchhandlung, Informationsräumen und einem Auditorium mit 200 Plätzen. Ab dem ersten Stock dominieren statt der dicken, auf die dorischen Säulen des Parthenon anspielenden Betonstützen die Kunstwerke – und das hereinströmende Naturlicht, das auch die weißen Häuser der durch die Glasfronten hereinspielenden Stadt reflektieren. Schon sind einige der vornehmlich aus dem 7. bis 4. Jahrhundert v. Chr. stammenden Marmorplastiken aufgestellt, während die Originale der berühmten, das Erechtheion-Heiligtum auf der Akropolis stützenden sechs Marmorjungfrauen noch in ihren vernagelten Holzkisten ruhen. Manchmal freilich lugt ein Götterfuß oder eine Löwenkralle unter Verhüllungen heraus. So ergeben sich die reizvollsten Christo-Effekte. Zeitlose Modernität.

Prunkstück des Museums mit seinen 14000 Quadratmetern Ausstellungsfläche – etwa so viel wie beim geplanten Humboldt-Forum auf dem Berliner Schlossplatz – ist freilich das Dachgeschoss: ein schräg gegen die Ausrichtung des Unterbaus gleich einem Ufo aufgesetzter Glaskubus in den Maßen der Cella des Parthenon. Mit Blick auf den 300 Meter Luftlinie entfernten Tempel werden hier gerade die originalen Fragmente des am Parthenon teils zerstörten, geraubten oder aus konservatorischen Gründen durch Repliken ersetzten plastischen Schmucks in der authentischen Anordnung und Größe aufgebaut: 160 Meter Tempelfries laufen hier um die vier Innenwände, wobei die fehlenden Teile der Metopen und Giebelfiguren als kalkweiße Nachbildungen gekennzeichnet sind. Die Hälfte des Fehlenden machen allerdings die vor 200 Jahren vom englischen Botschafter Lord Elgin nach London verschleppten „Elgin Marbles“ aus. Griechenland fordert sie vom British Museum seit langem zurück. Direktor Pandermalis meint: „Die Akropolis gehört der Welt, aber ihr Besitz zu Athen. Wenn wir hier eröffnen, wird der Druck auf London weiter wachsen.“ Jede Leerstelle soll dann im Angesicht von zwei Millionen Besuchern pro Jahr zur flammenden Anklage werden.

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