Kultur : Atlantis in der Ostsee - Neues von Rinke, Ostermaier & Co.

Frank Dietschreit

Es gibt sie also doch noch. Die großformatigen Stücke deutschsprachiger Autoren. Stücke, die nicht nur für Werkräume und Foyerpodeste taugen, sondern aufs Ganze gehen und auf Ganze zielen. Klaus Völker, der unermüdliche Organisator des alljährlich zum Theatertreffen stattfindenden Stückemarkts, ist denn auch ziemlich stolz darauf, mit Moritz Rinke einen Autor präsentieren zu können, der nicht der "Shoppen & Ficken"-Mentalität huldigt, sondern mit seinen ebenso poetischen wie intelligenten Bühnenfantasien dem Zeitgeist einen satirischen Spiegel vorhält.

Rinkes neues Stück heißt "Republik Vineta" und wird zu Beginn der nächsten Spielzeit am Thalia Theater in Hamburg uraufgeführt. Darauf darf man sich jetzt schon freuen - wenn das Stück dort ähnlich lustvoll und hinterhältig gespielt wird, wie es jetzt im Rangfoyer des Schiller-Theaters gelesen wurde. Was Ulrich Matthes (dem das Stück gewidmet ist) zusammen mit Peter Fitz, Thomas Thieme und Daniel Morgenroth, Nina Hoss und Swetlana Schönfeld, Eleonore Zetzsche und Liselotte Rau lesend andeuteten, klang vielversprechend witzig und zugleich ziemlich bösartig.

Zwischen Terminal und Tiefgarage

Vineta, dieses sagenumwobene Atlantis der Ostsee, wird zu einer gigantischen Tourismusfalle. Von einer unter Quarantäne stehenden Projektgruppe werden Baupläne und Themenparks für die bereits ideell okkupierte Ferieninsel entworfen. Der ganz alltägliche architektonische und politische Wahnsinn unserer Spaß- und Freizeit-Gesellschaft offenbart sich in diesem munter streitenden, gruppendynamischen Thinktank, der die Welt mit Visionen beglücken will. Vineta ist aber nur eine Lüge, nur Psychotherapie für ausrangierte Führungskräfte.

Die Zukunft gehört wahrscheinlich längst jenen Typen, die Albert Ostermaiers Stücke bevölkern. Denn die haben in jeder Hosentasche ein Handy, jetten planlos durch die Welt und leben in einem künstlichen Kosmos aus Videoschnipseln. Ostermaier ist mit seinen Stücken zwar Dauergast beim Stückemarkt, aufgeführt werden sie aber nicht in Berlin, sondern in München und Mannheim. Interessiert sich hier niemand für die Gelüste und Ängste der globalen Scheinexistenzen, die Talkshows mit dem Leben verwechseln? "Letzter Aufruf", gelesen von Udo Samel, Sylvester Groth, Petra Hartung und weiteren Berliner Spitzenkräften, führt ausgeflippte Dealer und mordende Dichter, philosophierende Asylanten, Drehbuchschreiber und Aktienspekulanten auf einem Flughafen zusammen. Was sich zwischen Terminal und Tiefgarage, Lotterbett und Absackbar ereignet, bedeutet nicht viel, will aber spannend sein. Jeder belauert jeden, und natürlich spielt jeder ein falsches Spiel.

Steffen Kopetzkys Schizo-Monolog "Nacht der Fliege" - von Michael Maertens großartig vorgetragen - ist zwar hübsch skurril, aber auch reichlich belanglos. Ähnliches muss man auch über David Gieselmanns "Herr Kolpert" sagen. Der Text spielt ein bisschen mit Motiven aus Hitchcocks "Immer Ärger mit Harry" und geht allenfalls als Persiflage auf die Gewalt-Lust der britischen Mode-Stücke durch. Die Gewaltorgie, die hier zwei gelangweilte Pärchen anrichten, ist aber nur erträglich, weil das Gezerre um Chaostheorien und falsche Pizzen, Promi-Ratespiel und Messer-Stecherei von Astrid Meyerfeld, Katrin Klein, Michael Maertens und Lars Eidinger mit überdrehtem Humor gelesen wird. Das Schicksal des Herrn Kolpert interessiert uns jedenfalls genauso wenig wie eine Slapstick-Bühnenfassung dieser Blutsudelei, wie sie dieser Tage bei der Uraufführung des Stückes am Royal Court in London zu sehen war.

Gespielt wird auch Heiko Buhrs "Ausstand". Der Text ist 1999 mit dem Heinz-Dürr-Stückepreis des Deutschen Theaters ausgezeichnet worden und soll dort auch seine Uraufführung erleben. Eine zwischen Dürrenmatt-Parabel und Brecht-Lehrstück angesiedelte Goteske über den Opportunismus. Lieber Wegschauen und zum Mittäter werden als Anteil nehmen und Eingreifen, ist das Motto der Figuren aus dem Prolo- und Prostituierten-Milieu. Eine Ahnung davon, wie man ihnen das Klischeehafte austreiben könnte, vermittelte die Lesung in der Schiller-Werkstatt.

Die schönste und gefährlichste aller Wirklichkeiten finden wir natürlich im Theater. Wer hätte das besser gewusst als Ulrich Wildgruber. Für den Freund und Kollegen hat der Schauspieler Friedrich-Karl Praetorius das Stück "Wildgruber oder Schluss mit dem Theater" geschrieben. Es trägt den alternativen Titel "Wildgruber und das Meer". Und so sagt Wagner, die Wildgruber-Figur des Stückes, denn auch: "Ich möchte durch eine weiße Schaumkrone hindurch die Sterne funkeln sehen." Dann ist es Zeit für ein lautes Meeresrauschen und einen traurigen Abschied.

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