Kultur : Atlantische Erfahrung

Wie sich der Historiker Heinrich August Winkler von der Humboldt-Universität verabschiedet

Alexander Cammann

Die Macht der Ideen wirkte im Audimax der Berliner Humboldt-Universität. Professoren und Politiker, Eminenzen und Exzellenzen waren erschienen, der große Saal gefüllt. Die Fernsehkameras zeichneten auf: Im Scheinwerferlicht wurde die Abschiedsvorlesung des Historikers Heinrich August Winkler zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Die Zuhörer wurden Zeugen, wie hinter dem Pult die Idee des politischen Professors in der preußischen Tradition eines Theodor Mommsens noch einmal Gestalt annahm. Der 1938 geborene Winkler, bekannt vor allem durch seine große zweibändige deutsche Geschichte „Der lange Weg nach Westen“, bot in seinem Vortrag „Was heißt westliche Wertegemeinschaft?“ eine Summe seiner bisherigen Gelehrtenexistenz, deren Leitmotive verdichtet allesamt auftauchten.

Die Idee des Westens präsentierte Winkler in einem eindrücklichen universalhistorischen Überblick, gleichsam von Jesus über Montesquieu bis Habermas: Sie sei nicht nur eine europäische, sondern eine gemeinsame atlantische Erfahrung, geprägt von Antike, Christentum und Aufklärung, von der amerikanischen Revolution mehr noch als der Französischen. Selbstkritik, Irrwege und vor allem große Zeiträume kennzeichneten diesen jahrhundertelangen Weg. Das Projekt des Westens ist zwar unvollendet. Doch Streitkultur könnte es fortentwickeln. Sein Kern ist die universale Idee der Freiheit, über die Winkler in den sechziger Jahren vieles vom Politikwissenschaftler und einstigen Emigranten Ernst Fraenkel lernte.

Wissenschaftlichen Konjunkturrittern mochte diese reflektierte Ideengeschichte, aus der der Geist Friedrich Meineckes zu atmen schien, unmodern vorkommen. Doch Erfahrungswandel bewirke Methodenwechsel, wusste bereits der im vergangenen Jahr verstorbene Historiker Reinhart Koselleck: Mit ökonomischen und gesellschaftlichen Erklärungen kann man Epochenzäsuren wie das Jahr 1989 ebenso wenig erfassen wie die weltweiten Konflikte der Gegenwart. Ideen bleiben geschichtsmächtig.

Die gesittete Form der Streitkultur praktizierte das anschließende Podium: Altbundespräsident Richard von Weizsäcker erinnerte an die äußeren Bedingungen, die einer Nation den Weg nach Westen erst ermöglichen. Auch wenn das Christentum als Wurzel westlicher Werte für uns zentral sei, plädierte der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, anderen Kulturen gegenüber für Geduld. Diese könnten ihre eigenen Wege in den Westen, zu Toleranz und Freiheit, finden. Bernhard Schlink, Schriftsteller und Winklers juristischer Kollege an der HU, blieb in Sachen westlicher Wertegemeinschaft skeptisch. In den USA hätte es die Verfassung vor dem Staat gegeben, in Europa sei es genau umgekehrt gewesen – die wichtigste Ursache für die bis heute gravierenden Unterschiede in beiden politischen Kulturen.

Auf den „hellen, klaren und frischen Geist der Königsberger Aufklärung“ hatte Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität, in seinen Dankesworten verwiesen; dieser kennzeichne das Wirken des gebürtigen Königsbergers Winkler. Auch wenn dessen Aufklärungsprogramm unvermindert weitergeht: Dieser Nachmittag symbolisierte durchaus einen Abschied, einen stärkeren Einschnitt jedenfalls als die bloße Zäsur mit neuen Fluchtpunkten, von der Markschies sprach. Denn die Tradition des öffentlichen Gelehrten, die Winkler und mit ihm viele seiner Generation so erfolgreich verkörpern, wird selten an den sich in Drittmittelanträgen und Exzellenzwettbewerben aufreibenden deutschen Universitäten. Ein wenig Melancholie durfte man sich durchaus gönnen, auch als Winkler noch einmal vehement die Einheit von Forschung und Lehre verteidigte und der Beifall aufbrandete. Stehend applaudierte das Publikum am Ende dieser Zwischenbilanz eines Gelehrtenlebens.

Der 1999 verstorbene Nestor der deutschen Politikwissenschaft, Theodor Eschenburg, hat in seinen Memoiren erzählt, wie sehr man einst von seinem Tübinger Historikerkollegen Hans Rothfels, dem Doktorvater Winklers, ein großes Werk zur deutschen Geschichte erwartete – vergeblich. Insofern kann man Winklers „Langen Weg nach Westen“ auch als glückhafte Einlösung und Fortentwicklung eines väterlichen Vermächtnisses interpretieren. Deutsche historiografische Tradition vereint sich hier mit westlichen Prinzipien zur Geschichtsschreibung in demokratischer Absicht. Sein liebster Romanheld, so hat Winkler vor Jahren im Fragebogen des „FAZ-Magazins“ bekannt, sei der Tischler Heinrich Cresspahl, Gesines Vater in Uwe Johnsons großer Tetralogie „Jahrestage“. Hinter dieser Vorliebe steckt tieferer Sinn: Johnson schrieb mit seinem transatlantischen Werk zwischen Mecklenburg und New York, zwischen Diktaturen und Demokratien den deutschen Verwestlichungsroman des 20. Jahrhunderts. Und die eigenwillige Figur Cresspahls, lange Sozialdemokrat, vereint in sich Tradition und Moderne. Er bekämpft die NS-Diktatur als Informant der Briten, ein westlich gesinnter deutscher Patriot. Auf Winklers künftige Werke über westliche Werte darf man gespannt sein.

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