Kultur : "Atmen (unter Wasser)": Du kannst nicht immer 15 sein

Jan Schulz-Ojala

Blau. Traum. Eine Unschärfe wie aus vorgeburtlichem Nirwana: als zappele da ein Embryo in einem Fruchtwasser, in das die Sonne ihre Strahlen schneidet. Ein Körper taucht so in den Schlaf, immer wieder; dann - schöne erste Liebe - in einen anderen Körper; und irgendwann, nachts im Auto nach einem Unfall, immer tiefer in den Fluss. Jetzt müsste man aufwachen aus dem, was unvermittelt zum Alptraum geworden ist, einfach hinausschwimmen aus all dem wie aus einem seltsamen, fremden Film.

Pedro (Alexandre Pinto) ist fünfzehn: ein Junge wie andere in der Vorstadt. Geht zur Schule: Aber wenn der Unterricht nichts taugt oder eine Art Leben lockt, steigt er einfach durchs Fenster auf den Hof und ins Freie. Hat Papa und Mama: Aber die sind ihm unversehens zu Fremden geworden, zu Aliens, die in merkwürdig restvertrauten Wirtskörpern hausen. Pedro durchleidet heldenhaft die Höllen der Pubertät. Er verliebt sich: Aber wenn das Glück sich nicht anbietet wie zwei Mädchenlippen, die geküsst werden wollen jetzt und sofort, dann rennt er durchs Schilf flusswärts und stürzt sich ins Wasser.

Pedro, das sieht man sofort, ist ein Träumer. Er hat eher Kumpels als Freunde, und wenn einer von denen sich mit ein bisschen Pech in das gleiche Mädchen namens Ana (Joana Costa) verliebt, kriegt er gleich den bösesten Zoff der Welt. Die blasse, schöne Ana, die da in ihrem Spaghettiträger-Hemdchen rumsteht unter der Sonne, sie liebt ihn - aber nur gerade so lange, wie man von einem Ufer zum anderen taucht und sich schließlich über sich selbst erschreckt. Irgendwann, es ist Nacht, wird sie vielleicht mit einem anderen Jungen an der Haltestelle stehen - aber hat Pedro das richtig wahrgenommen durch die beschlagene Busscheibe, und ist die Welt nicht sowieso ein Aquarium?

Einen kurzen Film über die Liebe hat der junge Portugiese António Ferreira, Absolvent der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg, da scheinbar leichthin geschrieben und gedreht, einen Film über die Jugend und ihre glückliche Pein; in Andeutungen, Gesten, Blicken, in sachte schwimmenden Bewegungen aufeinander zu und weg von einander, ohne Aufhebens im Reden und breiten Entwickeln von Figuren - und siehe da, wir verstehen alles sofort. Die traumsüchtige, immer den Augenblicksgegenstand visueller Begierde fokussierende Kamera des Marcus Lenz, der kluge, spannungsreiche Schnitt (Dörte Schneider) tun ein Übriges.

Wir sind fünfzehn, wenn wir diesen Film sehen, wir sind, mitten unter all den alltagsgeläufigen Leuten, so allein in der Welt, wie man es nur mit fünfzehn sein kann: Alles, worunter man so pathetisch leidet wie später nie, ist doch - noch - da wie ein Schutz. Und, ohne es zu wissen, taumelt, nein: taucht man seinem ersten echten Verlust entgegen.

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