Kultur : Atomkraft: Ein Markt für Aussteiger

Dagmar Dehmer

Atomphysiker müssen sich jahrelang wie Bergleute gefühlt haben. Schließlich stellen sie ihre Kompetenz einer sterbenden Industrie zur Verfügung. Es ist mehr als 20 Jahre her, dass in den USA oder der Europäischen Union zuletzt ein Atomreaktor bestellt worden ist. Kraftstrotzende Auftritte wie am Rande von UN-Klimakonferenzen dienten eher dazu, die eigene Klientel bei Laune zu halten. Wenn Atom-Lobbyisten bei einem Weltklima-Gipfel, wie im vergangenen November in Den Haag, ihre Botschaft verkündeten, dass sich klimaschädliche Gase wie Kohlendioxid (CO2) am einfachsten mittels der Atomenergie einsparen ließen, hörte kaum noch jemand hin.

Das hat sich geändert, seit George W. Bush US-Präsident ist. Sein Vize Dick Cheney hat in seiner ersten programmatischen Rede zur Energiepolitik das wiederholt, was die Lobby seit Jahren predigt. Zum ersten Mal seit vielen Jahren stellt sich bei der weltweiten Atom-Gemeinde wieder so etwas wie Genugtuung ein. Ob es darüber hinaus bei der aufmunternden Rhetorik von Cheney bleibt, oder ob dieser Rede weitere Taten folgen, hängt davon ab, wie die USA ihren Strommarkt künftig organisieren wollen.

Im Gegensatz zu Deutschland ist der amerikanische Strommarkt noch weitgehend geschlossen. Bisher haben nur einzelne Bundesstaaten Liberalisierungsschritte unternommen. Für Privatkunden ist der Strommarkt in den USA noch immer ein Monopolmarkt. Es ist ihnen fast nirgends möglich, ihren Stromanbieter zu wechseln. Ganz anders in Deutschland: Im April 1998 wurde der gesamte Strommarkt bis hin zum kleinen Haushaltskunden geöffnet. Seither tobt in Deutschland ein beispielloser Kampf um die Kunden. Die über Jahrzehnte fett gewordenen Energiemonopolisten müssen sich seither in einem marktwirtschaftlichen Umfeld bewähren und haben auch gleich potente Konkurrenten angelockt. Der französische Staatskonzern Electricité de France (EdF) und der schwedische staatliche Stromkonzern Vattenfall haben sich auf den deutschen Markt eingekauft und innerhalb von drei Jahren eine Neuformierung der alten deutschen Stromriesen bewirkt. Die EdF übernahm ein Viertel der Aktien der Energie Baden-Württemberg, Vattenfall stieg bei der Hamburgischen HEW ein und steht vor der Übernahme der Berliner Bewag.

In Deutschland hätte es nicht einmal mehr eines Atomkonsenses bedurft, um der Kernspaltung ihr Ende vorherzusagen. In einem Wettbewerbsmarkt müssen sich Investitionen rechnen - und zwar schnell. Wer aber ein Atomkraftwerk baut, muss sicher sein, dass seine Kunden mangels Alternativen jeden beliebigen Preis bezahlen - so war es in Deutschland vor der Marktöffnung. Im Wettbewerb kommt es darauf an, dass sich Kraftwerke schnell bezahlt machen. Das lässt sich von einem Atomkraftwerk nicht gerade behaupten. Die Investition ist so hoch, dass der Bau zwischen 30 und 40 Jahre lang abgeschrieben werden muss. Und dann ist noch nicht einmal das Problem gelöst, was die Unternehmen mit dem radioaktiven Müll machen sollen. Ein neues Atomkraftwerk würde rund zehn Milliarden Mark kosten. Mit einem effizienten Gas- und Dampf-Turbinenkraftwerk lässt sich binnen zehn Jahren gutes Geld verdienen. Wer rechnen kann, baut kein AKW.

Kein Wunder, dass im sich langsam öffnenden EU-Strommarkt die Atomenergie kaum noch Anhänger findet. Zumal die Atomunfälle in Harrisburg (1978) und Tschernobyl (1986) fast überall eine Anti-Atomkraftbewegung entstehen ließen. Österreich hat schon Ende der 70er Jahre beschlossen, auf Atomenergie zu verzichten. Schweden, Deutschland, Dänemark und Italien haben entschieden, aus der Atomkraft auszusteigen. Auch Belgien und die Schweiz wollen keine neuen Reaktoren. Und sogar in Frankreich nimmt die Begeisterung ab. Beim jüngsten Castor-Transport aus Deutschland in die französische Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague kam es dort erstmals zu Protesten. Und Jacques Chirac, bestimmt kein Gegner der Kernenergie, stellte kürzlich den Atomstrom erstmals in Frage. Kein Land der Welt könne sich "allein auf Öl oder allein auf die Atomenergie" verlassen.

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