Kultur : Attacke!

Martin Schwickert

Feigling – das Wort ist selten geworden. Und ein bisschen lächerlich: Im Supermarkt steht der „Kleine Feigling“ im Flachmannregal gleich neben der Kasse. Im viktorianischen England hatte der Ausdruck einen anderen Klang. Ausgewiesene Feiglinge wurden von der Gesellschaft geächtet. A.E.W. Masons Roman Die vier Federn (1902) berichtet von einem Feigling, der Übermenschliches leistet, um sich von seinem Stigma zu befreien. Fünf Mal wurde der Stoff bereits verfilmt. Die letzte und bekannteste Kinoadaption stammt von Zoltan Korda aus dem Jahr 1939 – ein Hohelied in Technicolor auf die Mannesehre und die Tugenden des britischen Empires. Nun hat Shekhar Kapur die Geschichte wieder ausgegraben: Der indische Filmemacher hat zuletzt in „Elisabeth“ seinen souveränen Umgang mit britischer Historie bewiesen und dabei das Kostümfilmgenre sanft revolutioniert.

Heath Ledger spielt den jungen Rekruten Harry Feversham, der den Dienst am Vaterland quittiert, als sich sein Regiment zur Verteidigung kolonialer Interessen in den Sudan einschiffen soll. Unter die diffuse pazifistische Grundeinstellung haben sich private Glückssehnsucht und schlichte Todesangst gemischt. Die Regimentskameraden schicken ihm als Symbol der Feigheit drei weiße Federn. Aber erst die vierte Feder, garstige Gabe seiner Verlobten Ethne (Kate Hudson), trifft mitten ins Herz. Auf eigene Faust reist Harry nach Nordafrika, um seinen geschändeten Ruf zu retten. Getarnt mit Vollbart und Turban mischt er sich undercover unter arabische Rebellen. Wenn die britischen Soldaten einen Heckenschützen stellen, führt das zu einer gespenstischen Selbstmordaktion des Rebellen. Mit Steinwürfen verjagen die Einheimischen die Rekruten der Krone – Bilder, die sich unmittelbar mit dem heutigen Nahostkonflikt verbinden. – Anders als Zoltan Korda vor 60 Jahren bemüht sich Kapur um einen differenzierten Blick. Dem englischen Edelmann wird mit dem afrikanischen Krieger Abou Fatma (Djimon Hounsou) ein schwarzer Schutzengel zur Seite gestellt, der auch für den interkulturellen Austausch sorgen muss. In den Schlachtsequenzen wird beides sichtbar: der fanatische Kampfgeist des Aufstands und die tragische Arroganz imperialer Macht. In „Die vier Federn“ beweist sich Kapur erneut als Meister des Breitwandformats. Doch anders als in „Elisabeth“ dringen Kapurs Modernisierungsbestrebungen nicht gegen die vom Buch vorgegebenen Koordinaten aus Stolz und Ehre durch. Es fehlt ihm einfach an Mut, eine angestaubte Geschichte konsequent gegen den Strich zu erzählen. (In 17 Berliner Kinos; Foto: Concorde).

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