Kultur : Attitüden, die nie ermüden

THEATER

Peter Laudenbach

Lindy Annis Solo-Performance s sind elegante Pathosvernichtungsmaschinen. Sie nimmt sich die großen, die ganz großen Stoffe vor – und zerlegt sie sehr charmant, bis sie auf Menschenmaß und Wohnzimmergröße zusammenschrumpfen. Ihr neues Stück im HAU 3 , Lady Hamiltons Attitüden , ist eine kleine Zeitreise ins 18.Jahrhundert, bei der dem Zuschauer nicht nur die schönste Frau Europas begegnet, sondern auch der Italienreisende Goethe, der Maler Wihelm Tischbein, Admiral Nelson vor der Schlacht von Trafalgar und ein Vulkanausbruch des Vesuv. Aber Nelsons Kriegsschiff ist ein Papierbötchen, das die Performerin lustig wackeln lässt. Und als Vesuv genügt eine putzige Spielzeuglandschaft aus dem Reich der Modelleisenbahn, der Vulkanausbruch wird mit Mehlstaub simuliert.

Das Leben – ein Spiel. Was Lindy Annis Sympathie für die legendäre Lady Hamilton erklärt, einer begnadeten Exzentrikerin, die ihr Leben mit Glanz in viele schöne Posen zu verwandeln wusste: Die Attitüde als Kunstwerk, der Körper als lebende Plastik mit exaltierten Gesten unter Schleiern und pathetisch ausgestreckten Armen. „Man schaut, was so viele tausend Künstler gerne geleistet hätten, hier ganz fertig, in Bewegung und überraschender Abwechslung“, seufzte Goethe nach einem Abend mit Lady Hamiltons Darbietungen. Lindy Annis stellt diese Posen mit freundlicher Ironie aus, und sie berichtet wie eine verwunderte Märchenerzählerin vom Leben zwischen Champagnerpartys mit Berühmtheiten, italienischen Freuden und Absturz in die Armut: Eine Lebenskünstlerin der Bohème im 18.Jahrhundert. Ihr anmutiges Solo ist eine gutgelaunte Hommage an die großen Verrückten und Exaltierten, die sich ihr Leben nicht auf das Normalmaß der Vernunft reduzieren lassen (weitere Aufführungen am 10. sowie vom 15.-17. Januar).

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