Kultur : Auch der Lobbyist ist ein Demokrat

Zwischen Legende und Tatsachen: der Einfluss amerikanischer Juden auf die US-Präsidentschaftswahlen

Richard Chaim Schneider

Haben die Juden in Washington nun die Macht oder haben sie sie nicht? Sind sie die heimlichen Herrscher auf Capitol Hill? Noch heute grassieren zahlreiche Gerüchte über den Einfluß der „jüdischen Lobby“ in den USA. Wenn man einmal von der islamistischen Propaganda absieht, so überrascht es, wie hartnäckig sich die Mär von den mächtigen US-Juden hält, vor allem in Europa. Abraham Foxman, Direktor der ADL (Anti-Diffamation-League), hat es vor Jahren in einem Interview auf dem Punkt gebracht: „Wir Juden haben keine Macht in den USA. Aber jeder glaubt es. Und weil jeder es glaubt, haben wir Macht!“

Doch wie sieht diese Macht realiter aus? Ist es tatsächlich so, dass die amerikanischen Juden, die gerade mal drei Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, die Wahlen am 2. November entscheiden können? Und - werden sie geschlossen für George W. Bush stimmen? Viele Europäer sind davon überzeugt.

Doch wer dies glaubt, wird eines Besseren belehrt. Denn rund zwei Drittel der amerikanischen Juden werden wohl erneut die Demokraten und damit John Kerry wählen, das belegen aktuelle Umfragen. Das ist nicht wirklich überraschend, schließlich wählt die jüdische Bevölkerung traditionell seit Jahrzehnten demokratisch. In den USA ist dies durchaus bekannt. James Baker, Außenminister von Präsident George Bush senior, rief deshalb im Präsidentschafts-Wahlkampf 1992 einfach nur „fuck the jews!“, als die Frage aufkam, ob sich die Republikaner mehr um die jüdische Wählerschaft bemühen solle. Er hatte Recht: Die Juden wählten Bill Clinton.

Warum aber sich überhaupt um gerade mal drei Prozent der Bevölkerung spezifisch kümmern? Warum buhlen dennoch die meisten Präsidentschaftskandidaten um die Stimmen der jüdischen Wähler? Die Antwort ist im amerikanischen System der Wahlmänner begründet, die den Präsidenten letztendlich wählen. Genau in jenen Bundesstaaten, die die meisten Wahlmänner abstellen, leben nämlich überproportional viele Juden. Der Bundesstaat New York mit rund vier Millionen Juden, ist das bekannteste Beispiel. Womit diese drei Prozent der Bürger vielleicht die Wahlen nicht entscheiden, aber doch deutlich beeinflussen können.

Hinzukommt der Einfluss von Juden in den Medien. Die liberale „New York Times“, von Juden gegründet, hat auch heute noch in ihrer Redaktion zahlreiche jüdische Journalisten, die mit ihren politischen Kommentaren die Stimmung im Land beeinflussen können. Die „NYT“ hat denn auch ihre Wahlempfehlung abgegeben, sie lautet: John Kerry.

Nicht zu vergessen, der Einfluss Hollywoods. Im amerikanischen Filmbusiness arbeiten viele jüdische Produzenten, Regisseure und Schauspieler. Auch sie sind traditionell liberal eingestellt und unterstützen die Wahlkampagnen der demokratischen Kandidaten, man denke an Barbra Streisands Wahlhilfe für Bill Clinton. Klar, dass das jüdische Hollywood diesmal auf der Seite Kerrys steht. Allerdings: Die jüdischen Intellektuellen in den USA verstehen sich in erster Linie nicht als „Juden“, sondern als Amerikaner. Und als solche versuchen sie, wenngleich in ihrer politischen Tradition verhaftet, die Wahlen ebenso zu beeinflussen wie alle anderen US-Bürger.

Dass Juden bis heute in erster Linie die Demokraten wählen, hat viel mit der Geschichte ihrer Integration in den USA zu tun. Als Einwanderer, die lange Zeit neben den Schwarzen als Underdogs angesehen wurden, die auch in der Neuen Welt aufgrund antijüdischer Vorurteile benachteiligt waren, hatten sie stets ein besonders großes Interesse an einem liberalen Amerika, das alle seine Bürger gleich behandelt. Insofern war es auch kein Zufall, als viele Juden sich für die Rechte der Schwarzen einsetzten, wie etwa der berühmte Rabbiner Abraham Joshuah Heschel, der einst Seite an Seite mit Martin Luther King marschierte und gegen den Rassismus der weißen Amerikaner protestierte. Diese natürliche Allianz zwischen Schwarzen und Juden hat sich inzwischen zunehmend aufgelöst. Die jüdische Bevölkerung hat den Aufstieg ins amerikanische Establishment inzwischen geschafft, ihnen sind so gut wie keine gesellschaftlichen Türen mehr versperrt. Die meisten Schwarzen aber leben immer noch in den Ghettos und betrachten die etablierten Juden nun ebenfalls als Feinde. Auch haben sich viele Schwarze inzwischen dem Islam zugewandt oder sympathisieren offen mit den Palästinensern, die sie als ihre Leidensgenossen zu erkennen glauben.

War es bei den letzten Präsidentschaftswahlen bereits überraschend, dass immerhin 19 Prozent der jüdischen Wähler ihre Stimme George W. Bush gaben, so sind die aktuellen Zahlen noch irritierender: Im September wollten 24 Prozent der Juden für Bush stimmen. Allerdings: Im Dezember 2003 waren es noch 31 Prozent, und die Tendenz ist weiter fallend. Wer weiß, dass auch andere traditionelle Wählerschaften der Demokraten sich allmählich aufzulösen beginnen, wird dieses Anwachsen „jüdischer Republikaner“ in einem größeren soziologischen Kontext begreifen. Auch Schwarze, Katholiken und Frauen wählen zunehmend republikanisch. Dies mag vergleichbar sein mit der Wählerwanderung in Deutschland, wo die klassische Klientel der SPD zunehmend zu den Grünen, aber auch zur CDU abwandert, wenn es opportun erscheint.

Die nahezu symbiotische Allianz zwischen Bush und dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon ist dabei für das amerikanische Judentum weniger bedeutsam als die Frage, wie die geistige und politische Zukunft der USA aussehen mag. Die Juden in den USA sehen sich eben zuallererst als Amerikaner nicht etwa als israelische Phalanx in Washington. Natürlich gibt es eine Solidarität mit dem jüdischen Staat, natürlich gibt es auch Organisationen, die sich in Washington massiv für die Belange Israels einsetzen. Die „jüdische Lobby" ist eine Tatsache, doch dabei wird gerne unterschlagen, dass in der amerikanischen Politik Lobbyismus eine ganz selbstverständliche Angelegenheit ist und von der „Tabaklobby“ bis hin zur „Rüstungslobby“ alle möglichen Interessengruppen auf Capitol Hill Einfluß zu nehmen suchen. Warum da nicht auch die Juden?

Diese befürworten freilich bis heute noch in der großen Mehrzahl einen Palästinenserstaat – anders als die aktuelle israelische Regierung. Und immerhin 69 Prozent sind dafür, einige oder gar alle Siedlungen in den besetzten Gebieten aufzulösen. Und – auch das mag manche Europäer überraschen – mehr und mehr amerikanische Juden sind mit der Art, wie George W. Bush den Krieg im Irak führt, unzufrieden.

So scheint also das Bild klar und eindeutig: Bush wird nicht mit der jüdischen Wählerschaft rechnen können. Das aber liegt sicherlich auch daran, dass John Kerry an bestimmte Kerninteressen der jüdischen Wählerschaft nicht rührt. Die Solidarität mit Israel ist eine Selbstverständlichkeit, selbst wenn die Haltung eventuell gegenüber Ariel Scharon kritischer werden könnte. In der aktuellen Situation ist es allerdings noch entscheidender, dass auch Kerry den Kampf gegen den Terrorismus mit aller Härte fortzuführen gedenkt, was immer das heißen mag. Das sind Töne, die den großen jüdischen Organisationen gefallen. Denn auch bei den liberalsten Gruppierungen, wie etwa dem American Jewish Committee, das auch in Berlin ein Büro unterhält, ist seit Ausbruch der Zweiten Intifada und dem 11.September die Überzeugung gewachsen, dass nur der aktive Kampf gegen den islamistischen Terror die Lösung auf Dauer sein kann, eine „Politik des Dialoges“ wie es das „zögerliche“ Europa bevorzugt, ist in den Augen der amerikanischen Juden, wie überhaupt der meisten Amerikaner, keine Alternative. Und so verwundert es dann nicht, dass ebenso viele Juden, die sich für einen Palästinenserstaat und für die Auflösung von Siedlungen aussprechen, die harte Haltung der Scharon-Regierung gegen den palästinensischen Terror befürworten, dass sie auch großes Verständnis für den Bau des israelischen Sperrzauns aufbringen.

Der Kampf gegen den Terror ist seit dem 11. September ein Muss in den USA geworden. Dass Amerika dabei dennoch ein liberales, geistig offenes Land bleiben soll, ist den jüdischen Wählern ein Grundbedürfnis. Und die eigenartige Allianz zu Beginn der Präsidentschaft von George W. Bush, die sich zwischen ihnen und den christlichen Fundamentalisten, der wichtigsten Wählerschaft des „Born-Again“-Christen George W., zu entwickeln schien, ist den jüdischen Funktionären, die in Washington mitzureden versuchen, längst nicht mehr geheuer.

Die massive Unterstützung dieser Fundamentalisten für Israel, hat einen durchaus anti-demokratischen Hintergrund: Sie sind überzeugt, dass der Heiland erst dann wiederkehren wird, wenn ganz Israel den Juden gehört und alle Juden wieder im Heiligen Land leben - somit auch die amerikanischen Juden. Das aber hieße in letzter Konsequenz die Vertreibung von sechs Millionen amerikanischen Juden. Denn diese wollen keinesfalls nach Israel. Sie wollen genau dort bleiben, wo sie jetzt schon sind: in New York, in Washington, in Los Angeles und anderen Städten der USA.

Der Autor lebt als Publizist und Filmemacher in München und ist durch zahlreiche Dokumentationen zum jüdischen Leben nach dem Holocaust hervorgetreten.

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