Kultur : Auch die Liebe ist politisch

HARALD MARTENSTEIN

Im Jahr 1969 hat Rudolf Thome "Rote Sonne" gemacht, einen Film über eine Frauen-WG, die ihre zahlreichen Liebhaber nach jeweils fünf Nächten umbringt.Die Hauptrolle spielte Uschi Obermeier.1980 kam "Berlin Chamissoplatz" heraus: ein älterer Architekt soll ein besetztes Kreuzberger Haus sanieren, er verliebt sich in eine der Hausbesetzerinnen.1991 drehte Thome "Liebe auf den ersten Blick", eine deutsche Annäherung zwischen einem alleinerziehenden Vater aus Ost-Berlin und einer West-Berlinerin.In seinem neuesten Film, "Tigerstreifenbaby wartet auf Tarzan", kommt ein Zeitreisender aus dem Jahre 4000 ins Berlin von heute.Er hat sich in eine Frau verliebt, die er auf einem Foto gesehen hat.In der Zukunft sind die Frauen ausgestorben, die Männer leben ewig.Ein unsterblich verliebter Unsterblicher.Er wirkt wie eine Mischung aus Gott und Kind, und er verliert sein Leben um der Liebe willen.Eine Menschwerdung, eine Erlösungsgeschichte, mit christlichen Untertönen möglicherweise.

In allen Filmen von Rudolf Thome geht es um Liebe.Das ist ungewöhnlich für einen deutschen Regisseur.Die Liebe ist Thomes Utopie, an ihr scheidet sich das gelungene vom mißlungenen Leben.Gelungene Filme dagegen sind fast immer Balanceakte, ohne Risiko entsteht nur das Mittelmaß.Deshalb riskiert Thome gelegentlich den Absturz in den Kitsch oder ins esoterische Traktat, aber es ist seine Ironie, die ihn immer wieder rettet.Unsentimentale Emotionalität: diese Tonlage trifft in Deutschland nur er, in Frankreich ist die Auswahl größer.

Thome-Filme sind irrational und romantisch, auch diese Haltung gibt es im heutigen Deutschland selten.Meistens ist der Plot eine Versuchsanordnung - zwei oder drei Frauen lieben den gleichen Mann, ein zufälliger Moment des Glücks entsteht, dann zerbricht alles wieder.Die Protagonisten bewegen sich wie unter Trance.Wenn sie zu dritt ins Bett gehen, dann in aller Unschuld, auf der Suche nach dem Paradies.Thome-Filme laufen auf keine Pointe, keine These und keine Erkenntnis hinaus, sie sind offen, mythisch, sie gehen nie ganz auf.Es bleibt immer ein Rätsel, wie im Leben.Und wie in guten französischen Filmen.

Rudolf Thomes Arbeiten spiegeln den Geist ihrer Entstehungszeit besser wider als viele Werke, die unverblümt politisch sein wollen."Rote Sonne" gilt heute als einer der drei, vier Filmklassiker der deutschen 68er Zeit, "Berlin Chamissoplatz" ist die schönste Hommage ans West-Berlin der 70er Jahre, die es im Kino gibt, und die deutsche Wiedervereinigungseuphorie könnte kein teurer Monumentalfilm so genau beschreiben wie "Liebe auf den ersten Blick".Thome beweist: Liebe ist politisch.

In der deutschen Filmgeschichte gibt es immer nur Brüche, so wird oft gesagt, kein Gefühl für Tradition wie in Frankreich oder England.Jede neue Regisseursgeneration ruft eine Stunde Null aus.Thome ist beinahe der einzige, der im vatermörderischen deutschen Film die Brücke schlägt von 1968 nach 1998, einer, der unter veränderten historischen Bedingungen immer wieder die gleiche Frage stellt: die Frage nach dem Glück.Rudolf Thome gehört zur Wim-Wenders-Generation.Er geht auf die sechzig zu und hat in dreißig Jahren 18 Spielfilme gemacht.Einen großen Hit hat er nie gelandet, im günstigsten Fall schauen sich 80 000 Deutsche einen neuen Film von Rudolf Thome an.Die meisten Filmförderer zucken mit den Achseln, wenn er kommt: ein Künstler.Ein Autor.Und noch dazu ein Einzelgänger.Obwohl kaum ein Kritiker Thomes Rang bestreitet, obwohl es eine Gemeinde gibt, die süchtig ist nach seinen Bildern, hat er immer größere Schwierigkeiten damit, seine kleinen, billigen Filme zu machen, die er nicht nur schreibt und inszeniert, sondern auch produziert und verleiht.1998 ist ihm dieser Akrobatenakt sogar zweimal gelungen."Just married", der zweite Film, erzählt die Geschichte einer Ehe.Der Mann steht im Verdacht, die Frau nur ihres Geldes wegen geheiratet zu haben, schon auf der Hochzeitsreise wird von Scheidung gesprochen.Er hat eine Geliebte, sie setzt einen Detektiv auf ihn an, zwei Kinder werden geboren, der Schwiegervater stirbt.Am Ende sieht man das Paar bei einem Spaziergang, halbwegs zufrieden, und daß sie es bis dahin geschafft haben, ist ein Wunder der Liebe.Etwas, wofür sich in Deutschland nur Rudolf Thome interessiert.

Das Kino Arsenal zeigt im September eine Rudolf-Thome-Retrospektive.Heute, 21 Uhr, wird die Reihe mit "Just Married" eröffnet."Rote Sonne" läuft am 4.September, 21 Uhr, "Berlin Chamissoplatz" am 16.September, "Liebe auf den ersten Blick" am 22.September, jeweils 19 Uhr."Tigerstreifenbaby" läuft unter anderem im Kino Klick.

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