Kultur : Auch Glas hat eine Seele

Die Berliner MaerzMusik eröffnet mit „Dark Matter“

Ulrich Pollmann

Nicht nur das traditionelle Konzertpublikum und die Neue-Musik-Szene, auch die junge Kunstszene will Matthias Osterwold zum MaerzMusik Festival locken. Er bedient sich dazu erfolgreich der bekannten Ingredienzen: Eine originelle Installation – hier lässt sie Schlager auf Regenschirmen erklingen, mittels Wasser und entsprechender Sensoren – stimmt bereits vor dem Haus der Berliner Festspiele locker ein. Dem Konzertraum sind mit technischer Hilfe alle Klassik-Plüsch-Assoziationen gründlich ausgetrieben, und nach dem Konzert erfolgt in der Sonic Arts Lounge der Brückenschlag zur Clubszene. Über den künstlerischen Sinn dieses Modells, mit dem heute vielerorts Neue-Musik Festivals inszeniert werden, mag man streiten – die Strategie aber geht auf: Hörermilieus werden aufgebrochen, die Besucherzahl steigt.

Das wiederum macht es auch Kulturstaatsministerin Christine Weiß leicht, dem Festival den Rücken zu stärken. In ihrem Grußwort bekannte sie sich rückhaltlos zur Förderung nichtkommerzieller Kunstformen und zum künstlerischen Wagnis ohne Rückversicherung bei tradierten Qualitätsmaßstäben. Das Engagement der öffentlichen Hand für die Neue Musik gerade in schweren Zeiten dürfte Matthias Osterwold mit Wohlgefallen vernommen haben.

Prompt stand ein solches Wagnis auch im Mittelpunkt der Eröffnungsveranstaltung. Der in Berlin lebende Komponist Richard Barrett präsentierte zusammen mit dem bildenden Künstler Per Inge Bjørlo aus Norwegen die Installation „Dark Matter“ – ein Auftragswerk des Festivals. Statt ganz trivial den Saal des Festspielhauses zu betreten, werden die Besucher in kleinen Gruppen durch den Bühneneingang geführt. Sie passieren dabei Installationen, die mit Assoziationen von Zerbrechlichkeit, Zerstörung und Ausweglosigkeit spielen: Ein Stahlkeil etwa wird ganz langsam und leidenschaftslos gegen Glas geschoben, welches dabei allmählich und klaglos zerbricht. Auf beabsichtigt unbequemen Stühlen nimmt der Zuschauer nun Platz – der Raum ist in Zellen und Käfige zergliedert – und beginnt Mitgefühl mit dem perforierten Glas zu entwickeln.

Ihn erwartet ein Konzert von eineinhalbstündiger Dauer der vereinten Ensembles Cicada und Elison unter der Leitung von Christian Eggen. „Dark Matter“ beginnt etwas farblos mit Klängen, die man in der Neuen Musik schon oft gehört hat, gewinnt aber im Verlauf an Profil. Insbesondere der äußerst variantenreiche Einsatz der für das Stück zentralen E-Gitarre fasziniert. Mal mit gestrichenen Saiten, mal von einer vierteltönig verstimmten akustischen Gitarre sekundiert, mit Live-Elektronik aufgenommen und verfremdet, komponiert und improvisiert zeigt sie sich in einer Vielfalt, die hier formbildend wird. Daneben überzeugen komplexe Gesangspartien, zum Teil gekoppelt mit Klarinettenparts, die dem Spieler auf den Leib geschrieben scheinen. Barett hat offensichtlich mit einigen Musikern lange und erfolgreich zusammengearbeitet. Samuel Becketts assoziationsreiches Prosastück „Sounds“, unterbrochen von kurzen Instrumentaleinschüben, bildet den Schluss.

Barretts im Programmtext nachzulesende Absichten trachten einerseits nach einer multimedialen Kunst fernab jeder traditionellen Einordnung. Andererseits sieht er in seinem Werk nicht weniger als eine „Antwort auf den derzeitigen Stand der Wissenschaft . . . über das Wesen des Universums und des menschlichen Bewusstseins“. Ob derartige Überambitioniertheit gut komponierte Musik in neue Bewusstseinsebenen hebt oder sie doch eher erdrückt, ist nach einmaligem Hören nicht zu entscheiden (und wohl auch abhängig von der Hörerdisposition). Aber wer weiß: Vielleicht hören wir im nächsten Jahr eine abgespeckte Kammermusikvariante des Stücks, ganz altmodisch und im gepolsterten Sessel.

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