Kultur : Auch Insekten haben den Blues „Mikropolis“ an der Komischen Oper

von
Abflug, Alter. Stubenfliege Kostas (M. Otto), Bremse Erdal (H. Lamnek). Foto: W. Silveri
Abflug, Alter. Stubenfliege Kostas (M. Otto), Bremse Erdal (H. Lamnek). Foto: W. Silveri

Das große Krabbeln beginnt schon vor der Uraufführung der Insektenoper „Mikropolis“: Wuselnd nimmt das heiß umworbene Publikum von morgen die Foyers der Komischen Oper in Besitz, dicke Kissen für bessere Sicht im Arm. Dass das Haus seit Jahren neue Opern für Kinder in Auftrag gibt, hat ihr begeisterten Zuspruch beschert. Diesmal erging die Herausforderung an Christian Jost, einen Komponisten, der Extremsituationen in abendfüllendes Musiktheater zu verwandeln mag. Nach Bergsteigerdramen und Hamlet greift er abermals zur Lupe, um anstelle von Nervenenden das Kreuchen und Fleuchen kleiner Krabbler in Töne zu setzen. Seine Helden sind Asphaltinsekten mit Migrationshintergrund und ohne Sentimentalitäten wie Marienkäfer Kung – echte Berliner eben. Und sie lebten wohl zufrieden fort zwischen Müllvertilgung und Rückspiegelsurfen in ihrer „Mega-Giga-City“, wäre ihnen nicht ein Landei vor die Fühler gekullert. Ein Wirbelsturm hat die Grille Gesine (Erika Roos) von ihrer Wiese bei Dallgow-Döberitz bis in die Betonwüste geschleudert.

„Schafgarbe und Sauerampfer, Zarte Miere, Zwirbelkraut / werd ich nie mehr wiedersehn!“, zirpt sie traurig – und reißt damit die Stimmung der leicht neurotischen Metropolenkrabbler in den Keller. „Ich hab den Eintagsfliegen-Blues, weil ich nach einem Tag schon gehen muss“, summt Stubenfliege Kostas (Matthias Siddhartha Otto), die sich hartnäckig als Eintagsfliege fühlt. Dafür bekommt er ein Extramikro zugesteckt – und das ist eine gute Idee. Denn dem Text lässt sich nur schwer folgen. Wer das zur Uraufführung erschienene Kinderbuch vorab mit dem Nachwuchs studiert, ist klar im Vorteil. Auch, weil Josts Musik weniger prägnante Klangbilder seiner Protagonisten liefert als ein elegantes Underscoring der Liedtexte, mit etwas Großstadtjazz und gedehnten Harmonien abgemixt. Da lehnt sich die Oper am Film an, nur dass man dort besser den Dialogen folgen kann und die Action keine Grenzen kennt. An der Komischen Oper hilft man sich mit der Verdopplung der Figuren aus, die Sänger und Akrobaten zusammen gestalten. Dass sie über zwei Stunden begeisterte Zuschauer finden, liegt an Nadja Loschkys sympathischer Spielmacher-Regie und einem Ensemble, das es ernst meint mit dem Kinderspaß. Ulrich Amling

Die nächsten Vorstellungen finden am 14.11., 11 Uhr, 4./13./19.12. und 26.12., 11 Uhr, 16.12., 10.30 Uhr statt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar