• Auch Kaiserslautern will mit Steffen Kopetzky, dem jungen in Berlin lebenden Autor, die Welt erkunden

Kultur : Auch Kaiserslautern will mit Steffen Kopetzky, dem jungen in Berlin lebenden Autor, die Welt erkunden

Eckhard Franke

Die Welt ist brüchig geworden, unter jedem Schritt knirscht die Ungewissheit: Wo in diesem seltsamen Kosmos, der immer künstlicher, immer virtueller wird, befinden wir uns denn überhaupt? Immer realer scheint zu werden, was nur noch unserer bloßen Imagination entspringt, schöner Schein, perfekte Simulation: Sind wir noch wir - oder nur noch die computergesteuerte, passgenau in eine Hintergrundwirklichkeit eingefügte Illusion unserer selbst? Auf schwankenden Füßen kommt uns da ein neues Theaterstück entgegen, das diese Unsicherheit zu umkreisen versucht: "Herr Krampas - auftauchend", ein kleines Sprachwelterkundungs-Werk aus der Feder des jungen, in Berlin lebenden Autors Steffen Kopetzky, Jahrgang 1971.

Eine U-Bahn-Fahrt, das Empfinden der die Sinne lähmenden stickigen Luft in der Tunnelröhre an einem schwülheißen Sommertag, das eher taumelnde als zielstrebige Verlassen der Untergrund-Katakomben, das beinahe getriebene, wie durch unsichtbare Hand geleitete Gehen durch eine fremde Straße zu einem bestimmten Haus, einer Wohnungstür, zu der der Schlüssel passt, den man in der Tasche trägt: Dieser Vorgang wird bei Kopetzky zu einer permanenten Selbstvergewisserung durch das Wort. Aus dem nahezu bewusstlos abschnurrenden Alltag weicht alle Selbstverständlichkeit, eingetauscht gegen die Unsicherheit dessen, der sich da auf den Weg machte, nachdem ein Unbekannter einen fremden Schlüssel durch den Briefkastenschlitz der Wohnung geworfen hatte, ohne Grund. Dieser Schlüssel nun wirkt wie ein Magnet, der hinauszieht aus dem Eigenen ins Fremde - sehen können wir all das nicht, wir müssen es glauben. Wir werden suggestiv hineingezogen in dieses Betreten einer fremden Wohnung, dort in der Küche ein Mann, essend. Ihm begegnen wir später in der Bilder- und Wörterflut wieder: tot auf einem Bett. Geht es hier also am Ende bloß um ein Verbrechen?

Für die Uraufführung in Kaiserslautern ist der Raum der Werkstattbühne zweigeteilt: für weibliche Zuschauer und für männliche, dazwischen eine spiegelnde Wand, die plötzlich durchsichtig wird, und dort, wo man eben noch sein eigenes Spiegelbild betrachten konnte, erkennt man nun einen Zuschauer des jeweils anderen Geschlechts. Am Fuße der nun durchlässig gewordenen Wand agiert der Schauspieler Reinhard Karow, den Text in expressiver Weise verkörpernd, gespreizte Finger, heftig verzogenes Gesicht. Er spielt, angeleitet vom Regisseur Torsten Pitoll, zwischen den Zuschauern, zieht körperlich hinein in den Rausch seines Berichts. Und nun wird man auch selbst mit einbezogen, aus der Welt der Fantasie werden Beweisstücke ins Auditorium gereicht, Fotos von Tatorten, Essensreste wie von Kriminologen in keimfreie Plastiktüten gepackt, einem Zuschauer zieht der Schauspieler gar den Schuh vom Fuß, um ihn auf "Spuren" hin zu untersuchen. Hart am Rande, ins peinliche Mitmachtheater zu kippen, entfaltet sich hier ein "Fall", den es gar nicht gibt, da der Tote plötzlich wieder ein Lebendiger ist. Am Ende ist alles zerbröselt in lauter Möglichkeiten, keine realer als die andere. Eine Zeit, die von Imaginationen lebt, von der Simulation und dem gefahrlosen Als-ob, die aber immer weniger weiß, was etwas zu bedeuten hat. Und was etwas wirklich ist. Hinter allem schönen Schein. Dem Theater in Kaiserslautern ist mit Steffen Kopetzkys Stück ein kleiner, nachdenklich stimmender Abend gelungen.

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