Kultur : Auch Komponisten wollen ins Kino

Die Komische Oper spielt Schostakowitsch

Ulrich Amling

Das Kino war für den jungen Schostakowitsch ein Ort der Zuflucht – und der Zumutungen. Nach dem frühen Tod des Vaters beinahe mittellos, gesundheitlich angeschlagen, verbrachte der exzellente Klavierspieler viele Abende im Orchestergraben eines Leningrader Kinos. Unterbezahlt, aber im Trockenen, fasziniert vom Medium Film und zugleich abgestoßen von dessen musikalischer Begleitung. „Ein Augiasstall voller Scheiße“, nannte Dmitri Schostakowitsch wenig diplomatisch das, was Filmpianisten und Dirigenten aus dem Fundus der Klassik herauskramten. Den ungeliebten Job verlor der angehende Starkomponist nach einem Lachanfall während eines Chaplin-Films.

Und doch ließen ihn die laufenden Bilder nicht mehr los. „Wäre ich ein Ingenieur der Seele, ich wählte die Musik zu meinem Werkzeug.“ Unter Schostakowitschs 147 Werken finden sich 35 Filmmusiken. Die Dokumentation „My Life at the Movies“ spürte in der Komischen Oper nun seinem Leinwandleben nach, mit live eingespielter Musik zu den Filmszenen und den Kommentaren des Komponisten, mit feinem Sinn für Ironie von Ulrich Matthes vorgetragen.

Sein Engagement für das neue Massenmedium brachte Schostakowitsch stets in engsten Blickkontakt mit der politischen Führung der Sowjetunion. Ein vorsichtiges Tasten im Auge des Orkans, bei dem jeder unbedachte Schritt Lebensgefahr bedeuten konnte. Dennoch ging der Komponist immer wieder in die Vollen, begeisterte sich für experimentelle Filme wie „Das neue Babylon“, jagte darin die Bourgeoisie mit dampfenden Walzern durch die Zeit der Pariser Commune. Das gleiche Schicksal sollte auch verschlagene Industrielle und kapitalistische Prasser ereilen: Sie alle verfielen einem grellen Totentanz, vom Orchester der Komischen Oper unter Mark Fitz-Gerald mit praller Lust ausgespielt. Bizarr die musikalische Untermalung des Bilderbuchalltags in der UdSSR vor dem Überfall von Hitler-Deutschland: Eine Schulklasse bricht singend zum Besuch eines Stahlwerks auf, in dem Mensch und Maschine auf irritierende Weise akustisch zusammenschmelzen. „Der Fall von Berlin“ brachte Schostakowitsch den Stalinpreis ein, eine gute Lebensversicherung. Seine späteren Filmmusiken huldigen dem Genie Shakespeares. In „Hamlet“ und „König Lear“ erklingt herbes Pathos abgelöst von aller Ideologie, taucht das Jahrhundert noch einmal auf als individuelles Trauerspiel. Schostakowitsch hat ihm einen bewegenden Soundtrack geschaffen.

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