Kultur : Auch Kopfnüsse sind Kunst

Glotzt nicht so politisch: Das Theaterfestival von Avignon wird 60 – und feiert sich mit Koltès und Peter Brook

Dorothea Marcus

Trügerisch war die Ruhe, verursacht durch die Niederlage beim WM-Finale und stete Hitzewarnungen. Doch es wäre nicht das Festival von Avignon, wenn es an seinem 60. Geburtstag nicht noch Aufruhr geben würde. Eine halbe Stunde lang veranstalten französische Bühnentechniker im Ehrenhof des Papstpalastes, wo Kulturminister Donnedieu de Vabres auf den Beginn von Gorkis „Barbaren“ wartet, ein Pfeifkonzert. Seit das Festival 2003 bestreikt wurde, sind fast 20 Prozent der freiberuflichen Schauspieler und Techniker aus der Arbeitslosenversicherung geflogen.

Doch alsbald räumen die Demonstranten die Bühne. Wie ein etwas niederträchtiger Reflex auf ihre Situation wirkt es, wenn nach zehn Minuten ein heruntergekommener Straßenmusiker über den Bühnenhof schlappt, „How does it feel?“ singt, um von den Bewohnern der behäbigen Kleinstadt Verkhopolije Brot in die Hand gedrückt zu bekommen. „Barbaren“ ist ein selten gespieltes Stück, oft als Bolschewismus-Kritik gelesen. Eric Lacascade hat es in frische Alltagssprache neu übersetzt und inszeniert es wie einen schnellen Tschechow. Sind die „Barbaren“ die dumpfen Dorfbewohner oder die zwei arroganten Ingenieure aus der Stadt, die Zukunft, Geld und Einfluss versprechen? In den Bauern erwacht die Gier, es entfesselt sich eine Seifenoper der Intrigen, bis eine junge Frau stirbt. Lacascade spielt souverän mit dem grandiosen Ehrenhof. Hinter seinen vermauerten Fenstern lauert die Trostlosigkeit der Provinz, russische Chöre und Feuerwerke aus Silberbändern erzeugen Gänsehaut: Lange ist es her, dass im Ehrenhof so großartiges Sprechtheater zu sehen war.

Nach Blut, Tränen und Körperexzessen von letztem Jahr unter der Kodirektion von Jan Fabre wurde in Frankreich öffentlich die Abdankung der jungen Festivalleiter Vincent Baudriller und Hortense Archimbault gefordert. Das Publikum sah das anders. Auch jetzt sind in den ersten zwei Wochen über 120 000 Karten verkauft worden, „das Festival trägt die Früchte von 2004 mit Thomas Ostermeier und 2005“, meint Baudriller und bezeichnet das letzte Jahr hartnäckig als „eins der erfolgreichsten in der Geschichte“. So viel Sitzfleisch zahlt sich aus – die Verlängerung seines Vertrags über 2007 hinaus gilt als wahrscheinlich.

Leider bleibt das Festival, das wie kein anderes als Ort der Debatten gilt, in seinem Geburtstagsjahr seltsam unpolitisch. Selbst Ariane Mnouchkine, die nach dem Massaker von Srebrenica 1995 in Avignon in den Hungerstreik trat, philosophiert im Cloître St. Louis nur über die theatralische Qualität von Zidanes Kopfstoß. Zudem beginnt es mit einem harmlosen Pferdespektakel. Seit 1984 inszeniert „Bartabas“ seine Reiteropern. „Danke für diese Feier des Lebens!“, jubelt Le Monde über den schönen, aber inhaltsarmen Galopp „Battuta“ um eine Wasserfontäne. Der diesjährige „artiste associé“ ist der Choreograf Josef Nadj, bekannt durch versponnene mentale Landschaften. Dem Maler-Dichter Henri Michaux ist Nadjs Eröffnungsinszenierung Asobu, auf japanisch „Spiel“, gewidmet: eine Reise durch surreale Welten nach Fernost. Nadj hat den Ehrenhof mit Stellwänden und einer Art Boxring verkleinert. An einem Tisch sitzen die Tänzer um eine Holzpuppe, kriechen wie Tiere, bilden tanzende Herden. Zu kantigem Freejazz hüpfen sie als kalligrafische Schattenbuchstaben hinter einer Leinwand vorbei. Grazile Tänzerinnen ziehen sich Papierblumen aus dem Haar, ein verkleideter Bär tappt unter gotischem Bogen hervor. Choreografisch wirkt das verstaubt. Ratlos, aber friedlich reagieren die französischen Kritiker. Ähnliches könnte man auch von Christophe Huysmans „Human“ sagen. Er hat ein Sprachspielgedicht geschrieben, wie es Franzosen lieben. Die Sequenzen werden von Zirkusakrobaten gesprochen, die kopfüber von Stangen rutschen und spektakulär auf Trapezen schwingen. Die Akrobatik der Körper wird in der Sprache gespiegelt, elegant und technisch perfekt – aber auch ornamental und gesellschaftsfern.

Mit neuen Theaterformen experimentiert auch Marcial di Fonzo Bo. Der gebürtige Argentinier ist Großschauspieler und arbeitet sonst mit Matthias Langhof oder Luc Bondy. Seit einigen Jahren hat er mit seiner eigenen Kompanie Stücke des argentinischen Dichters Copi ausgegraben. „Tour de la Défense“, bald an der Schaubühne zu Gast, ist ein visionärer Boulevardkrimi. Ein Silvesterfest im 13. Stock, man trinkt und kopuliert, jagt und bekriegt sich, sitzt unversehens mit Pelzmänteln im Schneetreiben, kurz bevor dann ein Hubschrauber in den Turm fliegt und alle brabbelnd untergehen: eine erstaunliche Metapher, immerhin ist das Stück schon von 1976.

Avignon ist ein Fest der Uraufführungen und unterscheidet sich darin wohltuend von anderen Sommerevents. Doch was bewegt einen Regisseur, auf offener Bühne ein Gummibaby vor den Augen seiner Mutter zu zerdrücken, wie es in „Naître“ (Geboren) geschieht? Alain Françon, Direktor des „Théâtre de la Colline“, ist Leib- und Magenregisseur des englischen Dramatikers Edward Bond – „ich brauche ihn wie Besteck zum Essen“, meint dieser bei einer Pressekonferenz. Welch trauriges Mahl, wenn es in sklavischer Bild- und Worttreue besteht. Eine elend explizite Darstellung der Barbarei im Krieg – zum Glück fällt das Stück gewitterbedingt zuweilen aus.

Und so bleiben als beeindruckendste Arbeiten zwei Stücke über Rassismus: In seiner kanadischen Koltès-Inszenierung „Black Battles with Dogs“ zeigt Alain Nauzyciel auf, wie sehr Europäer im postkolonialen Rassismus stecken bleiben. Durch die nordamerikanischen Schauspieler erhält der Abend eine weitere USA-kritische Dimension. Und zu guter Letzt kehrt Altmeister Peter Brook nach Avignon zurück: In einem Schulhof am Stadtrand, mit nichts als Pappkartons und Garderobenständern, zeigen schwarze Schauspieler, wie man sich in unserer zweigeteilten Welt eine Identität, sprich: einen gültigen Pass erobert.

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