Kultur : Auch Männer wollen tanzen

„Absolute Wilson“, ein Dokumentarfilm über den Theatermagier Bob Wilson

Rüdiger Schaper

Soll der Titel eine Anspielung auf Bobs Lieblingsgetränk sein? Katharina Otto- Bernsteins Porträt des amerikanischen Theatergenius gleicht einer Expedition in die Kindheit, und die Rede ist von ganz anderen Drogen. Von Kunst. Von Licht.

Letzte Woche feierte er seinen 65. Geburtstag. Man erlebt ihn in dieser Filmdokumentation offen und privat wie selten. Er wächst auf in der streng geordneten Welt des baptistischen Südens. Big Sky. Bush-Country. Der Junge stottert, hält sich fern, kann sich nur heimlich mit einem schwarzen Jungen treffen. Die Begegnung mit Byrd Hoffman, einer Dame, die in Waco, Texas, Ballettunterricht für Kinder gibt, verschafft ihm Luft: zu sprechen, auf Menschen zuzugehen. Er will Künstler werden, und er ist schwul, mancherorts ist das auch heute noch in Texas keine besonders gute Idee.

Bob im Wunderland. 1962 kommt Wilson in New York an, studiert Architektur, vertieft sich in die abstrakten Tänze von Balanchine, Cunningham, in die Musik von John Cage. Das prägt seine Imagination. Wilsons erste eigene Performances: Bewegungsstudien. Form ist Freiheit. „Absolute Wilson“ streift durch ein Lebenswerk, das seinesgleichen nicht hat. Oper, Schauspiel, Wilsons Märchenwelt: In den siebziger Jahren kommt der Weltruhm, mit den Spektakeln wie „Einstein on the Beach“, „A Letter to Queen Victoria“ oder „The Life and Times of Josef Stalin“. Autobiografische Werke im grafischen, geometrischen Sinn. Da taucht auch das Bild seiner Mutter wieder auf, einer schönen, stets gepflegten, verschlossenen und distanzierten Person – ein Phänotyp, den man aus Wilsons Bühnenkreationen kennt.

Der Mann hat einen unermesslichen künstlerischen Appetit, sagt Susan Sontag. Auch mit ihren Texten hat er gearbeitet; es gibt nichts, was Wilson nicht in Wilson verwandeln kann. Da ist er wie Walt Disney, sehr amerikanisch: ein Transformator von Mythen. Und wiederum: Welcher amerikanische Künstler pflegt so leidenschaftlich das Erbe der europäischen Avantgarde?

„Absolute Wilson“ ist ein Film mit vielen talking heads, der nach und nach in bekanntes Fahrwasser kommt. David Byrne meint, dass neben Wilson fast alles auf dem Theater altmodisch aussehe. Das gilt gelegentlich auch für Wilson selbst: Längst ist er klassisch. Fünf Jahre hat Katharina Otto-Bernstein ihn begleitet. Man erlebt den durch die Welt rasenden Regisseur als ausgeruhte Kunstfigur. Und der Blick fällt nur da auf Privates (nie Intimes), wo sich eine Verbindung zu Wilsons magischem Werk auftut.

Im Babylon Mitte, Filmkunst 66 (OmU) und fsk am Oranienplatz (OmU)

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