Kultur : Auch Philosophen haben Innereien

Gewitzt, aber harmlos: Barbara Frey inszeniert „Triumph der Liebe“ am Deutschen Theater

Andreas Schäfer

Ein Stöhnen der Überraschung geht durchs Publikum, als sich der Vorhang hebt und den Blick auf die ganz mit Kunstrasen ausgekleidete Gartenschachtel freigibt, die sich nach hinten effektvoll in immer kleineren Schachteln fortsetzt – so dass die zehn realen Meter Bühnentiefe zur gefühlten Unermesslichkeit werden. Wie auf einem Gemälde von Escher wird auch in dem Bühnenbild von Bettina Meyer das Auge verwirrt: Alles ist schön kunstwelthaft und kastenförmig begrenzt, doch der Weg, den die Schauspieler in diesem Trichter zurücklegen müssen, dabei immer wieder über Gräben springend, um schließlich an der Bühnenrampe anzukommen (also möglicherweise im Licht der Wahrheit!), wirkt unendlich lang. Was scheinbar perfekt zum Stück „Triumph der Liebe“ von Pierre Carlet de Marivaux aus dem Jahr 1732 passt, das in den engen Grenzen eines kuscheligen Fantasiegriechenlands spielt.

In dem Stück muss die Prinzessin Leonida nämlich erst in den gut bewachten Garten des Philosophen Hermokrates eindringen, um in einer unendlich langen trickreichen rhetorischen Meisterleistung das Herz des Geliebten Agis zu erobern. Dafür muss sie nicht nur Agis’ Zögerlichkeitsschluchten überspringen, sondern mit ausgreifenden Schritten auch die Vernunft-Prediger Hermokrates und seine spröde Schwester Leontine bezirzen, bis zum Schluss alle Phasen der Verstellung durchschritten sind und alle drei – getäuscht und verliebt – nebeneinander im grellen Schock der Erkenntnis hocken: Das Leben ist ja gar nicht vernünftig, sondern zutiefst verstörend. Unter dem selbstzufriedenen Lächeln der Seelenruhe lauert in jedem von uns das brodelnde Feuer der Leidenschaft!

Die Welt als labyrinthischer Garten, die babuschkahafte Verschachtelung des Raums als Spiegel der Zwiebel-Ichs: Bettina Meyers Raum bringt die Themen des Stücks auf den Punkt. In der Regie von Barbara Frey, die am Deutschen Theater zuletzt „Medea“ inszeniert hat, geht es gleich temporeich los. Katharina Schmalenberg als Leonida und Isabel Schosnig als deren bodenständige Zofe Corinna springen – beide als Männer verkleidet – aus einem der Gartenschächte auf die Wiese und erklären ruckzuck die komplizierte Vorgeschichte und ihren fein abgezirkelten Agis-Gewinnungsplan. Schon werden sie von Arlequin, dem Diener Hermokrates’ belauscht (mit sympathisch verschlagener Beschränktheit: Gabor Biedermann) und mit einem „Hey Mädels“ gestellt. Da ist auch schon das Objekt der Begierde, Agis selbst, der eigentlich auf Leonidas Herrscherthron gehört, aber wegen einer Intrige im Verborgenen aufwuchs und die letzten Jahre in der Abgeschiedenheit seines Ziehvaters Hermokrates (Robert Hunger-Bühler) verbrachte.

Matthias Bundschuh spielt diesen weltfremden Jüngling herrlich, mit den zitternden Beinen eines frierenden Windhundes und der brüchigen Stimme des ewigen Pubertisten, die sich jeden Moment im Selbstmitleid überschlagen kann. Ist Agis überfordert (was er oft ist), schiebt sich seine Oberlippe zum Bugs-Bunny-Lächeln zurück, oder seine Augen verschieben sich aus Versehen zum dämlichen Jerry-Lewis-Schielen. Das Tollste an Bundschuhs Agis ist aber sein inneres Woody-Allen-Zappeln. Mit dem ersten Blick flammendes Hingezogensein zu Leonida, die sich noch als Phokion ausgibt, bei gleichzeitigem panischen Bloß-weg-Hier angesichts der bedrohlichen Nähe. Deshalb schickt er Leontine zum Verhandeln mit dem Eindringling vor, die Friederike Wagner als graugesichtige Vogelscheuche mit Strähnhaar gibt. Während sie Leonida, alias Phokion (später auch Aspasia) im Gouvernantenton des Gartens verweisen will, hat Katharina Schmalenberg schon ihr Werk der Verführung begonnen, welches – und das ist die große Schwäche der Inszenierung – zwar koboldhaft gewitzt, aber nie abgründig ist.

Je länger der nur anderthalb Stunden kurze Abend dauert, desto mehr verliert auch das Bühnenbild seinen Reiz. Denn hier geht alles zu eckig zu. Zu gradlinig tauchen die Schauspieler aus einem der Gräben auf und verschwinden wieder. Zu übertrieben sind die Charaktermasken gezeichnet, zu frontal stehen sich die Emotionswidersacher gegenüber. Sicher, Marivaux’ Stücke strahlen die Sterilität einer mathematischen Versuchsanordnung aus. Zu der gehört aber nicht nur das Rechteck, sondern auch der Kreis, das Umeinanderschleichen, das vermeintlich harmlose Tänzeln, das in Wirklichkeit ein Lauern und genüssliches Umkreisen der Opfer ist. Rokoko bedeutet nicht nur Menuett, sondern auch Sadismus. Luc Bondys legendäre Schaubühnen-Inszenierung von „Triumph der Liebe“ aus dem Jahr 1985 spielte deshalb in einem antikisierenden runden (!) Tempel und ließ sich drei Stunden Zeit, das Quälende dieser Gefühlsvivisektion in allen Nuancen herauszuarbeiten. Es ist zwar unablässig von Seelenruhe und Tugend die Rede, eigentlich aber behandelt Marivaux seine Figuren wie Insekten.

Barbara Frey aber zwinkert sich routiniert über dieses Skandalon hinweg und verlegt die Szenerie aus der Kälte eines Operationssaals in die vertraute Enge einer x-beliebigen Verwechslungs- und Täuschungskomödie. Katharina Schmalenberg ist als Strippenzieherin keine dämonische Verführerin, sondern ein energiegeladenes Rumpelstilzchen, das die anderen nicht in die Knie zwingt, sondern in Grund und Boden redet und schreit und sich zwischendurch verdutzt die Haare rauft: O je, was hab ich denn angestellt?

Dass Robert Hunger-Bühler, der als Hermokrates sein schmerzendes Herz entdeckt, ihrem Charme erliegt, kann man kaum glauben. Wenn Hunger-Bühler, der den Philosophen als leicht autistischen Professorentrottel gibt, hin und wieder abwesend ins Nichts starrt, wird zwar etwas von der monströsen Leere spürbar, die das ganze Tohuwabohu in ihm auslöst. Doch dann gibt Barbara Frey wieder das Zeichen für Klamauk, und er schreit seinen Diener an oder entleert unter theatralischem Stöhnen seinen Darm. Sofort wird der Haufen dann vom Gärtner (Niklas Kohrt) auf die Schippe genommen und dem Publikum vor die Nase gesetzt. Auch kopffixierte Philosophen haben Innereien? Etwas subtiler hätte es schon sein dürfen.

Wieder am 21. und 22. Dezember sowie am 1., 4. und 8. Januar.

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