Kultur : Auch Töne haben Heimweh

Die Berliner Tage für Alte Musik suchen die Magie der Klangräume

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Mit Motti für Festivals ist das bekanntlich so eine Sache. Die Berliner Tage für Alte Musik, die zum 13. Male stattfanden, hatten es sich zur Aufgabe gemacht, den Beziehungen zwischen Musik und Architektur nachzuspüren. Ein spannendes Thema, das man allerdings nicht ganz so stringent durchführte, wie es sich gelohnt hätte. Der Hinweis auf die Parallelen zwischen architektonischem Ornt und musikalischer Verzierung wirkt wohlfeil, wenn man einen altertümlichen Zink in Schinkels klassizistischem Schauspielhaus bläst. Hier, wo das Publikum direkt vom traditionellen Musikinstrumentenmarkt in den Konzertsaal strömt, wo man leidenschaftlich über Details diskutiert und selbst Könige kritisiert (klingt die historisch korrekte Elfenbeinflöte in der Sonate Friedrichs II. in der Tiefe nicht doch zu stumpf?), hier also wird zum Besten der Kunst genau hingehört.

Und so schien sich William Dongois weicher Zinken-Ton mit dem deutlichen Wildgeschmack ebenso wie die sprechenden Verzierungen seiner Partnerin im Ensemble „Le Concert Brisé“ plötzlich an Schinkels Winkeln zu stoßen. Wie wichtig die praktisch-akustische Seite des Themas Musik und Architektur ist, zeigte dagegen der große Applaus für ihre Darbietung eines durch die halb geöffnete Tür geblasenen Echostücks von Maurizio Cazzati. Ein Beispiel dafür, wie Erfolg versprechend es ist, darauf zu achten, welche Rolle die Räume spielten, für welche die Werke geschrieben wurden. Eine Flucht in vergangene Zeiten bedeutet das keinesfalls: Für jede Komposition nach adäquaten räumlichen Lösungen zu suchen heißt auch, die Einmaligkeit der Live-Aufführung im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit wiederzugewinnen.

Zu einm der eindrücklichsten Erlebnisse des Festivals wurde deshalb auch das Konzert des Ensembles CosMusica, das einen seiner künstlerischen Schwerpunkte auf mehrchörige Werke des 16. und 17. Jahrhunderts gelegt hat. Im Gegensatz selbst zu vielen erfahrenen älteren Kollegen scheint sich Hagen Enke, der Leiter des 2000 gegründeten Kammerchors, erst dann richtig wohlzufühlen, wenn sein Ensemble über die entferntesten Ecken des Raums verteilt ist. Die durchaus nicht optimalen akustischen Bedingungen des französischen Doms meisterte er dabei virtuos. Die grandiose Architektur von Samuel Scheidts Concerti Sacri und Franceso Cavallis Marienvesper wölbte sich in jedem Augenblick standfest und mit schwungvollen Linien über den beeindruckten Hörern. Carsten Niemann

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